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EventCamping
03TEIL I – DIE GESCHICHTE

Die Vorreiter der Fan-Camping-Szene

14 Minuten Lesezeit · Alle Kapitel

Einen Erfinder des Motorsportcampings gibt es wahrscheinlich nicht.

Es wäre schön, wenn es darauf eine klare Antwort gäbe.

Ein Name. Ein Jahr. Eine Wiese. Vielleicht ein Mann mit einem Zelt, der eines Abends beschloss, nicht nach Hause zu fahren.

Geschichte ist selten so ordentlich.

Motorsportcamping hat keinen nachweisbaren Erfinder. Es ist gewachsen. Aus der Entwicklung des Campings selbst, aus der zunehmenden Mobilität, aus langen Rennveranstaltungen, aus abgelegenen Strecken und vor allem aus Fans, die so nahe wie möglich am Geschehen bleiben wollten.

Gerade deshalb lohnt es sich, nach den Vorreitern zu suchen.

Nicht nach einem einzigen Vater des Eventcampings, sondern nach jenen Menschen, Orten und Ideen, die aus dem Schlafplatz neben einer Rennstrecke allmählich eine Kultur machten.

1892 bis 1894: Die Vorgeschichte der temporären Stadt

Die Geschichte von Joseph und Elizabeth Cunningham gehört deshalb in dieses Buch: Viele organisatorische Probleme des späteren Eventcampings existierten schon, bevor es große Motorsportveranstaltungen gab.

1892 und 1893 organisierte Joseph Cunningham im Rahmen seiner Arbeit für das Florence Institute in Liverpool Sommerlager in Laxey auf der Isle of Man. 1894 wechselte das Lager nach Howstrake. Ein erhaltenes Dokument belegt, dass damals die Genehmigung für rund 150 junge Männer erteilt wurde. Nach dem Bruch mit dem Institut führten Joseph und Elizabeth Cunningham das Konzept auf eigene Rechnung weiter. [25]

Aus einem Ferienlager wurde ein Geschäft. Und aus einem Geschäft wurde innerhalb weniger Jahre eine Zeltstadt. Das Manx Notebook beschreibt für Howstrake eine Anlage, die bis zu 600 Männer pro Woche aufnehmen konnte. 1904 erwarben die Cunninghams weitere Flächen an der Victoria Road; dort entstanden saisonal rund 1.500 Zelte und ein etwa hundert Fuß langer Speisepavillon. [24]

Diese Zahlen sind für die 1890er- und frühen 1900er-Jahre erstaunlich. Noch erstaunlicher ist die Organisationslogik dahinter: Schlafplätze, Verpflegung, Reinigung, Regeln, Anreise, Unterhaltung, Werbung, Wiederkehrer und Preisgestaltung. Sogar eine eigene jährliche Publikation, der „Camp Herald“, diente der Bindung und Vermarktung. [24]

Das war noch kein Motorsportcamping. Und es wäre falsch, Cunningham zum „Erfinder des Motorsportcampings“ zu erklären. Aber es war eine frühe Schule der temporären Massenbeherbergung.

Diese Unterscheidung schützt vor einer bequemen Legende: Geschichte wird nicht besser, wenn man ihr künstlich einen ersten Erfinder gibt. Interessanter wird sie dort, wo mehrere Entwicklungen zusammenlaufen.

Elizabeth Cunningham: Organisation ist ebenfalls Pionierarbeit

Historische Erzählungen neigen dazu, denjenigen zu nennen, dessen Name über der Tür steht. Bei Cunningham wäre das zu einfach.

Mehrere Quellen heben ausdrücklich die organisatorische Rolle seiner Frau Elizabeth hervor. Das Manx Notebook führt den Erfolg des frühen Camps wesentlich auf ihre organisatorischen Fähigkeiten zurück. Die Florrie-Überlieferung und spätere Familienforschung beschreiben sie als jene Person, die aus einer großen Idee einen funktionierenden Betrieb machen konnte. [24][25]

Für ein Buch über Eventcamping ist das fast symbolisch. Der sichtbare Teil einer Veranstaltung bekommt meist mehr Aufmerksamkeit als der organisatorische. Der Fahrer mehr als der Streckenposten. Die Bühne mehr als der Stromverteiler. Der Gründer mehr als die Person, die dafür sorgt, dass morgens Frühstück vorhanden ist und abends noch Betten funktionieren.

Aber temporäre Städte leben von Organisation. Ein guter Gedanke zieht Menschen an. Ein gutes System sorgt dafür, dass sie wiederkommen.

In historischen Erzählungen über Campingpioniere fällt häufig zuerst der Name Joseph Cunningham. Dabei ist die Rolle seiner Frau Elizabeth bemerkenswert. Sie war Teil jener frühen Organisation, aus der später Cunningham's Camp hervorging. [9]

Diese Biografie erzählt nebenbei auch Campinggeschichte.

Campinggeschichte wurde – wie Motorsportgeschichte – lange bevorzugt über Männer erzählt.

Wer genauer hinsieht, entdeckt Frauen an vielen Stellen des Systems: in Organisation, Verpflegung, Gästebetreuung, Familienbetrieben und später auch als immer stärker sichtbare Zielgruppe und aktive Fans.

Diese Perspektive werden wir noch öfter brauchen.

1907: Eine Insel bekommt ihr Rennen

1907 fand auf der Isle of Man die erste Tourist Trophy für Motorräder statt. [10]

Auf derselben Insel trafen zwei Entwicklungen aufeinander, die später erstaunlich gut zusammenpassen sollten: eine etablierte Reisekultur und eine Motorsportveranstaltung, die Besucher über mehrere Tage band.

Wir sollten vorsichtig sein: Es wäre unseriös zu behaupten, die ersten TT-Zuschauer hätten 1907 bereits in systematisch organisierten Motorsportcamps gewohnt. Dafür fehlt bislang der Beleg.

Aber die Zutaten lagen bereit.

Eine Insel, die Gäste gewohnt war.

Eine Rennveranstaltung, die Reise erforderte.

Motorräder, die eine neue Form individueller Mobilität ermöglichten.

Und Fans, die nicht nur ein Rennen sehen, sondern Teil des Ereignisses werden wollten.

Später wird diese Verbindung sichtbar.

In einer offiziellen Würdigung langjähriger TT-Besucher erzählt die Isle of Man TT etwa von einem Fan, der 1960 erstmals mit seinem Vater kam. Der Vater übernachtete im Cunningham's Camp. [7]

Plötzlich berühren sich zwei Geschichten, die Jahrzehnte auseinander begonnen hatten.

Das Feriencamp des 19. Jahrhunderts wird Unterkunft für Motorsportfans.

1925: Das Zelt auf dem Motorrad

Wenn wir nach einem Bild suchen, das frühes Motorsportcamping auf einen einzigen Moment reduziert, dann ist Assen vielleicht der beste Ort.

Die erste Dutch TT fand 1925 statt. [11]

Der TT Circuit beschreibt die traditionelle Fankultur rückblickend mit einer bemerkenswerten Szene: Fans kamen auf Motorrädern, mit einem kleinen Zelt im Gepäck, und verbrachten mehrere Tage unter Gleichgesinnten. [6]

Dieses Bild erzählt sehr viel.

Das Motorrad war Anreise und Identität zugleich.

Das Zelt war keine Unterkunftskategorie, sondern Ausrüstung.

Und das Camp war kein Produkt, das jemand sorgfältig als „Fan Experience“ designt hatte.

Es entstand, weil Menschen gemeinsam dasselbe tun wollten.

Rennen sehen, Motorräder erleben, dabeibleiben.

Die Einfachheit ist faszinierend.

Heute verbringen Campinganbieter Monate damit, Buchungsstrecken, Stromoptionen und Komfortpakete zu planen. Damals reichte im Prinzip eine Frage:

Wo stellen wir das Zelt hin?

Warum gerade Motorsport solche Camps hervorbrachte

Es gibt einen praktischen Grund.

Viele historische Rennstrecken lagen nicht mitten in großen Städten mit zehntausenden Hotelbetten. Sie entstanden auf öffentlichen Straßen, Flugplätzen, in ländlichen Regionen oder weitläufigen Anlagen.

Ein Rennen brachte plötzlich Menschenmengen an Orte, deren reguläre touristische Infrastruktur dafür nicht gebaut war.

Camping löste dieses Problem erstaunlich effizient.

Eine Wiese kann tausende Menschen aufnehmen, ohne dass tausende Hotelzimmer gebaut werden müssen, die den Rest des Jahres leer stehen.

Doch praktische Notwendigkeit allein erklärt nicht, warum ausgerechnet einige Renncamps legendär wurden.

Dafür braucht es etwas Zweites: Zeit.

Ein 24-Stunden-Rennen wie Le Mans zwingt Zuschauer, anders zu denken als ein zweistündiges Sportereignis.

Wer nachts noch da sein will, braucht einen Platz zum Bleiben.

Training, Qualifying, Rahmenprogramm und Rennen machen aus dem Besuch fast automatisch einen mehrtägigen Aufenthalt.

Je länger das Ereignis, desto stärker wird der Platz rund um das Ereignis Teil des Ereignisses selbst.

Le Mans 1950: Die Nacht gehört allen

Hier haben wir einen der stärksten frühen direkten Belege unserer bisherigen Recherche.

Stirling Moss erinnerte sich Jahrzehnte später an die Atmosphäre von Le Mans in den 1950er-Jahren. Was ihm im Gedächtnis geblieben war, waren nicht nur Autos und Fahrer. Er erinnerte sich an die vielen Menschen, die nachts am Circuit campierten, und an den Jahrmarkt. [5]

Für unsere Geschichte ist diese Erinnerung ein seltener Fixpunkt.

Nicht weil 1950 sicher das erste Jahr war, in dem in Le Mans gecampt wurde. Wahrscheinlich nicht.

Sondern weil ein prominenter Zeitzeuge beschreibt, dass Camping damals bereits selbstverständlich zum Gesamtbild gehörte.

Man muss sich dieses Le Mans vorstellen.

Die Nacht ist dunkel auf eine Art, die moderne Städte kaum noch kennen. Rennwagen ziehen über lange Passagen des Kurses. Lichtkegel, Motorengeräusch, Geruch von Öl und Abgasen. Menschen versuchen zu schlafen oder geben es auf. Andere gehen durch die Nacht. Der Jahrmarkt leuchtet.

Ein Rennen läuft 24 Stunden.

Also lebt auch sein Publikum 24 Stunden.

Das Camp ist keine Pause vom Rennen.

Es ist Teil davon.

Wenn aus Zelten Nationen werden

Mit wachsender Internationalität entsteht auf Motorsportcamps noch eine weitere Stufe: Aus einzelnen Gruppen werden kleine Nationen.

Le Mans dokumentierte 2011 besonders eindrucksvoll die dänische Fanbewegung. Der Veranstalter schätzte damals, dass rund 25.000 bis 30.000 Dänen zum Rennen kamen – bei einer damaligen dänischen Bevölkerung von etwa 5,5 Millionen Menschen. Reiseveranstalter bauten auf den Campingflächen regelrechte dänische Dörfer mit großen Gemeinschaftszelten, Musik, Bars und unzähligen kleinen Schlafzelten auf. [27]

Hier sieht man den Übergang besonders gut: Aus einzelnen Reisenden werden Gruppen mit eigenen Ritualen, Treffpunkten und Regeln. Noch kein professionelles Eventprodukt – aber längst mehr als Individualcamping.

Sprache, Fahnen, Essen, Musik und Organisation kommen mit. Der Campingplatz wird für wenige Tage zu einer Außenstelle der Heimat.

In Spielberg lässt sich heute mit den niederländischen Fans etwas Ähnliches beobachten. Orange ist dort nicht nur Farbe. Es ist Orientierung. Man erkennt Gruppen, Busse und Camps schon aus der Entfernung. Aus Fanidentität wird Landschaft.

Am Nürburgring nimmt die Entwicklung eine andere Form an.

Die Nordschleife ist lang, landschaftlich weitläufig und seit Jahrzehnten eng mit Zuschauerplätzen im Gelände verbunden. Eine offizielle Beschreibung des historischen „Nürburgring Album 1960–1969“ erwähnt Fotografien von Rennwagen, die am Schwalbenschwanz an Zeltstädten vorbeifahren. [12]

Dieses Wort trägt mehr, als es zunächst scheint.

Zeltstadt.

Nicht Zeltplatz.

Eine Stadt entsteht dort, wo viele Menschen nicht nur nebeneinander schlafen, sondern gemeinsam Infrastruktur und soziale Ordnung erzeugen.

Man kennt diese Bilder aus späteren Jahrzehnten: Fahnenmasten, Pavillons, Grills, improvisierte Aussichtskonstruktionen, Kühlschränke, Fernseher, Sofas, Transporter und erstaunliche Eigenbauten.

Die Nordschleife wurde damit nicht nur Rennstrecke, sondern Landschaft, in der Fans ihre eigenen temporären Quartiere bauten.

Auch das ist Pionierarbeit – nur ohne Siegerpokal.

Nicht eine Person erfindet etwas.

Eine Community entwickelt es.

Die Pioniere sind oft namenlos

Für die historische Erzählung macht genau das die Sache kompliziert.

Motorsportgeschichte liebt große Namen.

Fangio. Moss. Clark. Lauda. Senna. Schumacher.

Campinggeschichte besteht dagegen häufig aus Menschen, deren Namen nie in Ergebnislisten auftauchten.

Der Mechaniker aus England, der jedes Jahr mit denselben Freunden nach Le Mans fuhr.

Die Familie aus Deutschland, die seit den 1970ern am Nürburgring denselben Bereich bevorzugte.

Der Motorradfahrer, der sein kleines Zelt hinter die Maschine spannte.

Die Bäuerin, die ihre Wiese öffnete.

Der Gastwirt, der plötzlich tausend zusätzliche Bier verkaufen musste.

Der Feuerwehrmann, der wusste, dass ein dichtes Camp andere Risiken erzeugt als ein normaler Parkplatz.

Die Pioniere des Eventcampings waren selten berühmte Einzelpersonen.

Es waren Netzwerke.

Fans, Grundbesitzer, Vereine, Gemeinden, Veranstalter, Wirte und Familienbetriebe.

Das macht ihre Geschichte schwerer zu recherchieren – aber vielleicht interessanter.

Spielberg: Eine Geschichte, die wir persönlich kennen

Für uns wird diese abstrakte Entwicklung in Spielberg konkret.

Unsere Großeltern Lorenz und Hermine Schitter nahmen in den 1970er-Jahren bereits Campinggäste auf, die zum Österreichring kamen. Lorenz war damals Bürgermeister von Spielberg und zugleich Musiker; mit seiner Blaskapelle gehörte er zu jenen Menschen, die den Gästen rund um die Rennstrecke auch ein Stück regionaler Kultur vermittelten.

Unser Stiefvater Horst May war erster Geschäftsführer des Österreichrings. Unsere Mutter Sigrid Schitter führte die Campingtradition am Schitterhof weiter und entwickelte sie über Jahre.

Heute setzen wir diese Geschichte gemeinsam fort.

Diese Familiengeschichte ist einer der Gründe, warum uns die Frage nach den Pionieren überhaupt beschäftigt.

Denn wenn man im Rückblick erkennt, dass die eigene Familie Teil einer größeren Entwicklung war, beginnt man anders zu fragen.

Was passierte zur selben Zeit in Le Mans?

Wie sah es am Nürburgring aus?

Wie reisten die Fans nach Assen?

Was geschah in Silverstone?

Was war typisch für Spielberg – und was Teil einer internationalen Bewegung?

Unser Schitterhof soll in diesem Buch deshalb nicht als Werbeinsel stehen.

Er ist eine Fallstudie in einer größeren Geschichte.

Regeln sind älter als das moderne Eventcamping

Es wäre verführerisch zu glauben, dass Konflikte zwischen Campingfreiheit und Regulierung erst mit modernen Behörden entstanden sind. Die Cunningham-Geschichte zeigt das Gegenteil.

Mit dem schnellen Wachstum der Camps entstanden bereits vor dem Ersten Weltkrieg Debatten über Hygiene, Moral, Nachbarschaft und öffentliche Kontrolle. 1911 führten Auseinandersetzungen in Douglas schließlich zu kommunalen Regeln für solche Anlagen. [24]

Mehr als hundert Jahre später klingen manche Grundfragen erstaunlich vertraut: Wie viele Menschen dürfen auf eine Fläche? Welche sanitären Standards sind notwendig? Was ist Nachbarn zuzumuten? Wer trägt Verantwortung? Welche Regeln braucht gemeinschaftliches Wohnen auf engem Raum?

Natürlich sind die konkreten Vorschriften heute völlig andere. Aber das Muster ist gleich geblieben. Sobald Camping aus einer kleinen privaten Gruppe eine größere temporäre Gemeinschaft wird, entsteht Regulierungsbedarf.

Nicht weil Gemeinschaft scheitert. Sondern weil ihre Folgen größer werden.

Die romantische Vorstellung vom völlig freien Camping hält diesem Blick nicht stand. Auch früher hatte Freiheit Grenzen; sie wurden nur informeller ausgehandelt.

Irgendwann verändert sich jedes improvisierte System.

Aus der offenen Wiese wird eine nummerierte Fläche.

Aus dem Verlängerungskabel vom Bauernhof wird eine geplante Stromverteilung.

Aus der Toilette am Rand wird eine Sanitärlogistik.

Aus dem „Fahrt einfach dort hin“ wird eine digitale Buchung mit Fahrzeugkategorie, Personenzahl und Ankunftszeit.

Aus Gewohnheit wird Organisation.

Sie entsteht meistens nicht aus theoretischer Planung, sondern aus Problemen.

Zu wenig Toiletten? Beim nächsten Mal mehr.

Stau am Eingang? Check-in neu organisieren.

Zu wenig Strom? Verteilerstruktur ändern.

Zu laute Nächte? Regeln und Positionierung schärfen.

Schlechte Entwässerung? Fahrwege und Flächen neu denken.

Eventcamping entwickelt sich durch Erfahrung.

Daran hat sich erstaunlich wenig geändert.

Der Unterschied besteht darin, dass die Erwartungen der Gäste inzwischen wesentlich höher sind.

Was 1975 als freundliche Improvisation akzeptiert wurde, führt heute möglicherweise zu einer Ein-Stern-Bewertung im Internet.

Als Camping zum offiziellen Produkt wurde

In Le Mans lässt sich dieser Übergang besonders gut verfolgen.

2012 beschrieb der Veranstalter fast zwanzig Campingflächen rund um die Strecke. [4] In einem weiteren Beitrag desselben Jahres wurde Camping ganz selbstverständlich als Teil des Ticketangebots dargestellt: vom Zelt über Wohnwagen bis Wohnmobil. [13]

Was als Fanpraxis gewachsen ist, wird damit buchbar, planbar und kontrollierbar.

Das hat klare Vorteile: Buchbarkeit schafft Planungssicherheit, Sanitärversorgung verbessert Hygiene, Security erhöht Sicherheit und markierte Flächen reduzieren Konflikte.

Aber Professionalisierung hat auch eine kulturelle Nebenwirkung.

Je stärker alles organisiert wird, desto weniger Raum bleibt für spontane Aneignung.

Der legendäre Eigenbau, die improvisierte Bar, der selbst erfundene Aussichtsturm – vieles davon kollidiert irgendwann mit Sicherheitsvorschriften, Brandschutz oder Haftung.

Regeln werden dadurch nicht überflüssig.

Es ist ein Spannungsfeld.

Und dieses Spannungsfeld prägt modernes Eventcamping vielleicht stärker als fast jedes andere Thema:

Von den Pionieren lernen

Was können heutige Betreiber von den frühen Fans und Gastgebern lernen?

Zunächst vor allem Demut.

Viele Dinge, die heute als Innovation verkauft werden, lösen Probleme, die Menschen seit Jahrzehnten kennen.

Nähe zur Strecke, Gemeinschaft, Wetterschutz, Essen und Trinken, saubere Sanitäranlagen und sichere Wege – erstaunlich viel davon ist zeitlos.

Ein Platz, an dem man sich willkommen fühlt.

Technologie verändert die Lösungen. Das Bedürfnis bleibt erstaunlich konstant.

Der zweite Punkt ist Gastfreundschaft.

Historische Campingplätze waren selten perfekt. Aber ihre besten Geschichten handeln fast immer von Menschen.

Jemand half, öffnete eine Wiese, organisierte Essen oder spielte Musik.

Jemand kannte nach Jahren die Stammgäste beim Namen.

Das lässt sich nicht vollständig digitalisieren.

Der Pioniergeist verschwindet nicht

Man könnte glauben, dass Pioniergeist nur zur Vergangenheit gehört.

Das Gegenteil ist wahrscheinlich richtig.

Er verändert nur seine Form.

Heute experimentieren Betreiber mit Glamping, modularen Unterkünften, digitalen Zugangssystemen, nachhaltiger Energie, neuen Sanitärkonzepten, Shuttles und unterschiedlichsten Komfortstufen.

Fans bauen weiterhin spektakuläre Fahrzeuge und Camps – nur mit Solarpanels, LED-Technik und mobilen Soundsystemen statt Petroleumlampe und Campingkocher.

Neue Zielgruppen bringen neue Erwartungen.

Neue Technologien bringen neue Möglichkeiten.

Und neue gesellschaftliche Anforderungen bringen neue Regeln.

Die Pioniere der nächsten zehn Jahre werden vermutlich nicht jene sein, die einfach mehr Luxus anbieten.

Es werden jene sein, die die alte soziale Kraft des Campings mit moderner Professionalität verbinden.

Kein Denkmal, sondern eine Staffelübergabe

Geschichte wird oft erzählt, als würde jede Generation die vorherige ersetzen.

Beim Eventcamping passt ein anderes Bild besser.

Eine Staffelübergabe.

Die frühen Organisatoren von Feriencamps zeigten, wie temporäre Gemeinschaft organisiert werden kann.

Motorradfans machten das kleine Zelt zum Begleiter ihrer Rennreise.

Le-Mans-Besucher machten die Nacht zum Teil des Erlebnisses.

Nürburgring-Fans verwandelten Landschaft in Zeltstädte.

Landwirte und Familien rund um Rennstrecken öffneten Flächen und schufen zusätzliche Kapazität dort, wo kein Hotelbau sinnvoll gewesen wäre.

Spätere Betreiber brachten Strom, Sanitär, Buchungssysteme und Sicherheitskonzepte.

Heute kommen digitale Prozesse, Glamping und neue Nachhaltigkeitsanforderungen hinzu.

Keine dieser Phasen existiert völlig getrennt von den anderen.

Auf einem modernen Motorsportcampingplatz können sie sogar gleichzeitig nebeneinander stehen.

Da ist das kleine Zelt.

Daneben der dreißig Jahre alte VW-Bus.

Ein paar Plätze weiter ein modernes Reisemobil.

Und vielleicht am anderen Ende der Fläche ein fertig aufgebautes Glampingzelt mit Bett und Strom.

Hundert Jahre Campingentwicklung auf wenigen hundert Metern.

Gerade darin steckt der Reiz.

Besonders gut lässt sich diese Entwicklung an einem Gegenstand ablesen: am Fahrzeug.

Kaum etwas erzählt so unmittelbar vom Wandel der Campingkultur wie die Art, mit der Menschen zu einem Rennen anreisen und darin oder daneben wohnen – vom Motorrad mit kleinem Zelt über Kombi, VW-Bus und Wohnwagen bis zum rollenden Wohnzimmer. Dort setzt das nächste Kapitel an.

Marketing-Transfer

Tradition ist ein Markenvorteil – wenn sie lebt.

DAS PROBLEM
Viele Betriebe erzählen „Tradition“, obwohl sie damit nur Alter meinen. Geschichte wird erst dann wertvoll, wenn sie glaubwürdig dokumentiert und mit der Gegenwart verbunden ist.
WAS DAHINTERSTECKT
Wiederkehrende Rituale, alte Fotos, Familiengeschichten und echte Veränderungen erzeugen Herkunft. Erfundenes Heritage-Marketing dagegen riecht schnell nach Kulisse.
DER HEBEL
Die eigene Geschichte systematisch sammeln und nur das erzählen, was man belegen oder aus eigener Erfahrung verantworten kann.
IN DER PRAXIS
Fotos datieren, Namen und Geschichten sichern, Stammgäste interviewen, besondere Objekte und wiederkehrende Rituale archivieren. Nicht alles veröffentlichen – aber nichts Wichtiges verlieren.
WORAN MAN ES MERKT
Gäste beziehen sich auf die Geschichte des Ortes, bringen eigene Erinnerungen ein und werden selbst zu Quellen für neue Kapitel.

Geschichte ist kein Claim. Sie ist Beweis.