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EventCamping
12TEIL I – DIE GESCHICHTE

Schitterhof: Praxis statt Theorie

20 Minuten Lesezeit · Alle Kapitel

Die Geschichte des Schitterhofs als Eventcampingplatz begann nicht mit einer Unternehmensstrategie.

Sie begann mit Gästen.

In den 1970er-Jahren kamen Motorsportfans zum Österreichring und brauchten einen Platz zum Schlafen. Lorenz und Hermine Schitter hatten einen Hof in Spielberg.

Also öffneten sie ihn.

So einfach lässt sich der Anfang erzählen. Und wahrscheinlich ist genau diese Einfachheit typisch für viele frühe Campingplätze rund um Rennstrecken.

Niemand sprach von Customer Journey. Niemand analysierte Zielgruppen. Niemand entwickelte ein Hospitality-Konzept.

Menschen kamen. Man half ihnen. Aus Hilfe wurde Gewohnheit. Aus Gewohnheit wurde Tradition.

Drei Generationen – und was tatsächlich weitergegeben wird

In Familiengeschichten wird Tradition gern über Gebäude, Namen oder Besitz erzählt.

Für einen Gastgeberbetrieb ist etwas anderes oft wichtiger.

Weitergegeben werden Verhaltensmuster.

Wie reagiert man, wenn ein Gast zu spät kommt?

Wie viel Flexibilität ist sinnvoll?

Wann hilft man einfach, obwohl es nicht in einer Preisliste steht?

Wann muss man Nein sagen, damit andere Gäste geschützt werden?

Solche Entscheidungen stehen selten in einem Handbuch.

Sie bilden trotzdem eine Kultur.

Wenn aus dieser Kultur später klare Prozesse entstehen, muss das Persönliche nicht verschwinden.

Im Gegenteil.

Ein guter Prozess schafft Zeit für jene Situationen, die eben nicht standardisiert werden können.

Im Grunde ist das eine alte Gastgeberidee in moderner Form:

Routine automatisieren, damit Aufmerksamkeit menschlich bleiben kann.

Der Begriff Professionalität klingt, als müsse er irgendwann neu begonnen haben. So einfach ist es in Familienbetrieben nicht.

Lorenz und Hermine Schitter arbeiteten nicht mit Onlinebuchung, CRM und Lastmanagement. Aber sie verfügten über eine Form von Professionalität, die man heute leicht unterschätzt: Sie wussten, wie man fremde Menschen auf dem eigenen Grund willkommen heißt.

Sigrid Schitter führte diese Gastfreundschaft weiter und passte sie an veränderte Erwartungen an.

Heute arbeiten wir mit anderen Werkzeugen: Buchungsdaten, mehrsprachiger Kommunikation, Stromplanung, Check-in-Prozessen, Bewertungen und Personalorganisation.

Aber die Grundfrage ist dieselbe geblieben: Wie sorgt man dafür, dass ein Mensch, der nur für wenige Tage kommt, sich nicht wie eine Nummer auf einer Wiese fühlt?

Darin liegt die Kontinuität.

Und Jahrzehnte später wird daraus ein professioneller Eventcampingplatz.

Eine Familiengeschichte neben einer Rennstrecke

Lorenz Schitter war Bürgermeister von Spielberg, als der Österreichring entstand. Er war auch Musiker.

Mit seiner Blaskapelle gehörte er zu jenen Menschen, die Besucher rund um den Ring unterhielten und ihnen damit etwas vermittelten, das im Motorsport leicht übersehen wird: Gastfreundschaft ist ebenfalls Teil eines Events.

Während auf der Strecke Rennwagen fuhren, entstand rundherum eine zweite Ebene der Veranstaltung. Musik. Essen. Unterkunft. Begegnung. Und eben Camping.

Lorenz und Hermine nahmen bereits in den 1970er-Jahren erste Gäste am Schitterhof auf, die wegen der Formel 1 zum Österreichring kamen.

In den ersten Formel-1-Jahren war private Beherbergung rund um Spielberg keine Nische, sondern Teil der notwendigen Infrastruktur. Wer ein freies Zimmer hatte, vermietete es. Bauernhöfe wurden zu Pensionen auf Zeit, Wohnzimmer zu Aufenthaltsräumen und freie Kammern zu Gästezimmern.

Auch der bekannte österreichische Motorsport-Kommentator Heinz Prüller wohnte damals am Schitterhof. Ein Raum am Bauernhof wurde für ihn zugleich Gästezimmer und provisorische Redaktionsstube. Das Badezimmer teilte er sich mit unseren Großeltern.

Die Szene erzählt viel über die frühen Grand-Prix-Jahre in Spielberg: Während am Ring Weltmeister, Teamchefs und internationale Medien arbeiteten, entstand die dazugehörige Beherbergungs- und Medieninfrastruktur oft mitten in privaten Haushalten. Die große Formel-1-Welt saß am Abend plötzlich am selben Küchentisch.

Ob damals jemand ahnte, dass diese einfache Entscheidung ein halbes Jahrhundert später Teil eines Buches über Eventcamping werden würde? Wahrscheinlich nicht.

Horst May und die andere Seite des Rings

Zur Familiengeschichte gehört auch Horst May, unser Stiefvater. Er war der erste Geschäftsführer des Österreichrings und eine treibende innovative Kraft in dessen Aufbau.

Seine Perspektive war entsprechend größer als die Frage, wo noch ein Zelt Platz findet. Es ging darum, wie eine internationale Rennstrecke als Gesamtsystem funktioniert.

Rennbetrieb. Organisation. Besucher. Verkehr. Gastronomie. Unterkünfte. Region.

Horst May baute Organisationsstrukturen auf und dachte den Ring früh als Gesamtsystem: Rennbetrieb, Besucherströme, Gastronomie, Unterkünfte, Management und die Wirkung auf die Region. Für uns war er damit nicht nur Organisator, sondern ein visionärer Vordenker dessen, was man heute Erlebnistourismus nennen würde.

Auf der einen Seite die Familie, die Gäste auf dem eigenen Grundstück aufnimmt. Auf der anderen Seite ein Mann, der die Rennstrecke mit organisiert.

Zwei Perspektiven auf dieselbe Entwicklung.

Der Ring innen. Und der Ring außen.

Sigrid Schitter: aus Tradition wird Kontinuität

Traditionen überleben nur, wenn jemand sie weiterführt.

Sigrid Schitter tat genau das. Sie hielt die Campingtradition am Schitterhof über Jahre am Leben und entwickelte sie Schritt für Schritt weiter.

Das klingt im Rückblick selbstverständlich. War es aber nicht.

Eventcamping ist saisonal und unberechenbar. Rennkalender verändern sich. Veranstaltungen verschwinden. Gästeansprüche steigen. Technische Anforderungen wachsen.

Eine solche Tradition weiterzuführen heißt nicht, Vergangenheit zu konservieren. Sie muss ständig angepasst werden.

Ein Basislager für die Menschen hinter dem Rennen

Zu dieser Weiterentwicklung gehörte später auch eine Nutzung des Hofes, die leicht übersehen wird, obwohl sie viel über Großveranstaltungen erzählt. Vor rund zehn Jahren richtete Sigrid am Schitterhof zusätzlich Unterkünfte für Menschen ein, die bei den großen Rennwochenenden am Red Bull Ring im Hintergrund arbeiteten.

Ein Teil davon waren motorsportbegeisterte Streckenposten und freiwillige Helfer. Viele von ihnen arbeiten bei Veranstaltungen wie Formel 1 oder MotoGP aus echter Begeisterung für den Sport und brauchen für diese Tage vor allem eine praktische und leistbare Unterkunft nahe der Strecke.

Daneben fanden auch Teams aus dem Sicherheitsumfeld des Rings Unterkunft am Hof, darunter Mitglieder einer Hundestaffel, die im Rahmen der Sicherheitsorganisation Tag und Nacht im Einsatz waren. Hofgebäude und Nebengebäude eigneten sich dafür besonders gut: robust, nah am Ring und ohne den Anspruch, aus jedem Bett ein touristisches Premiumprodukt zu machen.

Dieses Mitarbeiter- und Helfercamp war nicht der Beginn des Campings am Schitterhof. Die Campingtradition reicht über die Großeltern wesentlich weiter zurück. Es war vielmehr ein weiterer Baustein einer gewachsenen Gastgebergeschichte – und zugleich ein Blick auf jene unsichtbare Infrastruktur, ohne die ein Großevent nicht funktioniert.

Für den späteren Campingbetrieb hatte diese Nähe einen angenehmen Nebeneffekt. Menschen mit Sicherheits- und Einsatzerfahrung waren während der Veranstaltungstage nur wenige Schritte entfernt. Sie waren nicht automatisch für die Sicherheit unseres Campingplatzes zuständig. Aber kurze Wege, Erfahrung und Sicherheitskompetenz unmittelbar am Hof vermittelten zusätzliches Vertrauen – besonders in den Nachtstunden.

Der Zuschauer sieht Fahrer, Teams, Tribünen und Rennstrecke. Hinter diesem sichtbaren Teil arbeiten aber Streckenposten, Security, Hundestaffeln, Rettung, Feuerwehr, Technik, Reinigung und Logistik. Auch diese Menschen müssen essen, schlafen und irgendwo unterkommen. Der Schitterhof war damit zeitweise nicht nur Gastgeber für Fans, sondern auch ein kleines Basislager für die Menschen hinter dem großen Ereignis.

Heute: Professionalität auf Zeit

Wenn wir heute am Schitterhof ein Formel-1- oder MotoGP-Wochenende vorbereiten, hat das mit dem Camping der 1970er-Jahre nur noch auf den ersten Blick viel gemeinsam.

Die Wiese ist geblieben. Die Grundidee auch. Menschen kommen zum Motorsport und brauchen einen Platz, an dem sie für einige Tage leben können.

Fast alles andere ist professioneller geworden: Reservierungen, Zahlung, Check-in, Stromversorgung, Sanitär, Abfall, Gastronomie, Personalplanung, Sicherheitsfragen, Anreiseinformationen, Sprachen, Onlinebewertungen, Beschwerden und Erwartungsmanagement.

Was früher mit persönlicher Absprache funktionierte, muss heute auch bei sehr vielen Gästen zuverlässig skalieren. Damit wird Eventcamping zu einer merkwürdigen Form von Unternehmen.

Momentaufnahme: 17:42 Uhr, drei Fahrzeuge und ein Versprechen

Das erste Fahrzeug steht bereits an seinem Platz. Die zweite Buchung der Gruppe ist im Check-in. Das dritte Fahrzeug hängt noch irgendwo auf der Autobahn. Die Freunde möchten nebeneinander stehen. Auf dem Plan wäre es einfacher, die freie Lücke jetzt jemand anderem zu geben.

Solche Situationen zeigen, dass ein Campingplatz nicht nur Fläche optimiert.

Er optimiert Beziehungen.

Eine leere Parzelle für zwei Stunden sieht aus betriebswirtschaftlicher Sicht zunächst ineffizient aus.

Sozial kann sie vollkommen logisch sein.

Denn wenn das dritte Fahrzeug später kommt und die Gruppe getrennt werden muss, entstehen neue Fahrbewegungen, Diskussionen und möglicherweise eine schlechtere Erfahrung für mehrere Buchungen gleichzeitig.

Der richtige Wert einer Parzelle liegt deshalb nicht immer in ihrer sofortigen Belegung.

Manchmal liegt er darin, eine soziale Einheit zusammenzuhalten.

Solches Kapazitätsmanagement taucht in Standardsoftware kaum vollständig auf.

Auf dem Bildschirm sieht eine Buchung sauber aus: Name, Fahrzeug, Personenzahl, Strom, Ankunftstag.

Dann fährt das Fahrzeug durch die Einfahrt. Und plötzlich beginnt Realität.

Der Wohnwagen ist länger als gedacht. Am Heck hängen Fahrräder. Die Freunde aus der zweiten Buchung stehen noch im Stau. Der Gast möchte nicht dort stehen, wo die Planung ihn vorgesehen hat, sondern neben einer Gruppe, die seit Mittwoch da ist.

In solchen Situationen zeigt sich die Qualität eines Systems.

Ein zu starres System macht aus jeder Abweichung ein Problem. Ein zu loses System erzeugt Chaos.

Die Kunst liegt dazwischen: genug Struktur, damit hunderte Entscheidungen zusammenpassen – und genug Flexibilität, damit ein einzelner Mensch nicht an einem Formular scheitert.

Betreiberprinzip: Einen guten Plan erkennt man nicht daran, dass niemand von ihm abweicht. Man erkennt ihn daran, dass Abweichungen das Gesamtsystem nicht zerstören.

Es existiert das ganze Jahr. Aber seine intensivste Realität entsteht oft nur für wenige Wochen.

Fünf Stellplatzgrößen statt einer Standardwiese

Ein kleines Detail unserer heutigen Platzlogik zeigt, wie weit Eventcamping inzwischen professionalisiert ist: Wir verkaufen nicht mehr einfach „einen Stellplatz“. Es gibt fünf Größen – MINI mit rund 20 m², BASIC mit rund 30 m², PREMIUM mit 48 m², PREMIUM XL mit 60 m² und PREMIUM XXL mit 78 m². Das Chalet ist eine eigene Unterkunftskategorie und kein sechster Stellplatz.

Der Grund ist banal und wichtig zugleich. Ein Zweipersonenzelt braucht nicht dieselbe Fläche wie ein zwölf Meter langer Luxusliner. Wer beides in dieselbe Standardparzelle zwingt, verschwendet entweder Fläche oder produziert Konflikte. Ab PREMIUM ist Strom im Produkt enthalten; bei BASIC kann er optional dazugebucht werden. Die Fahrzeuglänge wird damit zu einem Planungsparameter statt zu einer Überraschung an der Einfahrt.

Das klingt technisch. Für den Gast bedeutet es vor allem Gewissheit: Passt mein Fahrzeug wirklich auf den gebuchten Platz? Gute Produktgestaltung beginnt manchmal bei einem Maßband.

900 Meter können eine Welt sein

Die Lage des Schitterhofs ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig Distanz im Eventtourismus ist. Rund 900 Meter vom Haupteingang des Red Bull Ring entfernt lässt sich vieles zu Fuß erledigen.

Für einen Gast bedeutet das Freiheit. Kein tägliches Auto. Kein zusätzlicher Parkplatz am Ring. Man verlässt morgens den Campingplatz und geht zur Strecke. Am Abend geht man zurück.

Diese Nähe wirkt auf einer Landkarte banal.

In einem Eventwochenende ist sie ein Produkt.

Nähe verkauft Zeit

900 Meter klingen wie Entfernung. Für einen Gast sind sie Zeit.

Kein morgendliches Einsteigen ins Auto. Kein Parkplatz suchen. Kein Warten auf einen Shuttle, wenn man gerade losgehen möchte.

Gerade bei einem Event mit langen Tagen ist das wertvoll.

Die knappste Ressource eines Fans ist nicht immer Geld. Oft ist es Aufmerksamkeit.

Je weniger davon für Organisation verbraucht wird, desto mehr bleibt für das eigentliche Wochenende.

Darum sollte Nähe im Eventcamping nicht nur in Metern kommuniziert werden. Sie ist gesparte Reibung.

Ruhe ist kein Mangel an Erlebnis

Der Schitterhof versucht bewusst nicht, jede Form von Fan zu bedienen.

Ein Platz kann versuchen, zugleich Party- und Ruhecampingplatz zu sein. In der Realität funktioniert diese Kombination nur begrenzt.

Wer nachts Musik bis vier Uhr morgens erwartet, sucht etwas anderes als eine Familie mit Kindern oder ein Fan, der am Samstag früh auf die Tribüne möchte.

Darum ist Ruhe am Schitterhof keine Nebenregel. Sie ist Teil der Positionierung.

Keine Partyfläche. Trotzdem Motorsport. Gemeinschaft. Trotzdem Schlaf.

Das klingt weniger spektakulär als Bühne und DJ. Für viele Gäste ist genau das der Luxus.

Regeln sind Teil des Produkts

Am Schitterhof beginnt die Nachtruhe um 23:00 Uhr. Dazu kommen Regeln, die bewusst strenger sein können als auf anderen Campingflächen: Offenes Feuer und Holzkohlegriller sind verboten; erlaubt sind geeignete Gas- oder Elektrogriller. Externe Notstromaggregate sind ebenfalls nicht erlaubt.

Diese Regeln sind kein Selbstzweck. Holzkohle und offenes Feuer erhöhen auf einer dicht belegten Wiese das Brandrisiko. Mobile Aggregate erzeugen Lärm und Abgase genau dort, wo andere Menschen schlafen. Wer Ruhe als Leistungsversprechen verkauft, kann nicht gleichzeitig jedem Gast erlauben, seine eigene kleine Kraftstation neben das Nachbarzelt zu stellen.

Entscheidend ist allerdings, wie Regeln vermittelt werden. Ein freundliches und hilfsbereites Team ist für uns kein weicher Zusatz zur Infrastruktur, sondern Teil des Betriebssystems. Gäste erwähnen in Bewertungen immer wieder die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Teams. Eine Regel wird eher akzeptiert, wenn der Mensch, der sie erklärt, zuerst versucht zu helfen.

Regeln funktionieren besser, wenn zuerst jemand da ist, der hilft. Teamarbeit im laufenden Campingbetrieb.
Regeln funktionieren besser, wenn zuerst jemand da ist, der hilft. Teamarbeit im laufenden Campingbetrieb.Copyright by Schitterhof

So wird aus Hausordnung Positionierung: ruhig, sicher, klar – aber nicht unpersönlich.

Nicht jeder will Party

Wer Eventcamping nur von außen betrachtet, könnte glauben, dass vor allem Nähe zur Strecke, Strom und Preis entscheiden. In der Praxis haben wir etwas anderes gelernt: Menschen buchen nicht einfach einen Stellplatz. Sie buchen eine Vorstellung davon, wie sie dieses Wochenende verbringen möchten.

Der eine sucht Party. Der andere Gemeinschaft. Eine Familie sucht Übersicht und Verlässlichkeit. Ein alleinreisender Fan möchte sich wohlfühlen. Und erstaunlich viele Gäste wollen nach einem langen Tag mit zehntausenden Menschen schlicht schlafen können.

Keiner dieser Wünsche ist richtiger als der andere. Problematisch wird es nur, wenn ein Platz versucht, für alle gleichzeitig der richtige zu sein.

Unsere Entscheidung für Ruhe war deshalb irgendwann keine Hausregel mehr, sondern Positionierung. Aus „Bei uns ist es etwas ruhiger“ wurde ein klares Leistungsversprechen. Genau dort beginnt Marke: wenn eine Eigenschaft zu einer bewussten Entscheidung wird.

Die schwierigsten Positionierungsentscheidungen fallen nicht beim Schreiben einer Website.

Sie fallen dann, wenn eine Buchung Geld bringt, aber erkennbar nicht zum Produkt passt.

Ein ruhiger Platz kann eine sehr gute Gruppe verlieren, weil deren gewünschtes Wochenende zu laut wäre.

Ein Partyplatz kann einen Gast enttäuschen, der irrtümlich Ruhe erwartet.

Beides zeigt: Der falsche Gast ist nicht zwingend ein schlechter Gast.

Er kann einfach am falschen Ort sein.

Gute Positionierung behandelt diesen Unterschied respektvoll.

Seine Stärke liegt gerade darin, nicht universell zu sein.

Nähe, persönliche Organisation und bewusst ruhigere Nächte bilden ein Versprechen.

Je klarer dieses Versprechen ist, desto weniger muss später erklärt werden, warum bestimmte Dinge nicht dazugehören.

Eine klare Positionierung bedeutet immer auch, Gäste nicht anzusprechen.

Das fällt besonders schwer, wenn jeder zusätzliche Stellplatz Umsatz verspricht.

Wer einen ruhigen Campingplatz führt, muss akzeptieren, dass eine Gruppe mit großer Musikanlage möglicherweise besser woanders aufgehoben ist.

Kurzfristig fehlt eine Buchung. Langfristig schützt gerade dieses Nein die Marke.

Denn das Versprechen „ruhiger Platz“ wird nur dann wertvoll, wenn Gäste glauben, dass es auch bei hoher Auslastung gilt.

Positionierung ist deshalb kein Text auf einer Website. Sie ist die Summe jener Entscheidungen, bei denen ein Betreiber auf kurzfristigen Umsatz verzichtet, um ein langfristiges Versprechen einzuhalten.

Wenn VIPs für eine Nacht Camper werden

Formel 1, Spielberg 2026.

An jenem Rennsonntag gehörten auch zwei der bekanntesten deutschen Fernsehgesichter zu den prominenten Besuchern am Red Bull Ring.

Was die Öffentlichkeit nicht sah: Die beiden übernachteten am Campingplatz. Die Anfrage kam persönlich, unkompliziert und mit einem klaren Wunsch – dabei sein, ohne aufzufallen.

Am Red Bull Ring waren sie in der VIP-Welt des Fahrerlagers unterwegs. Für die Nacht wollten sie jedoch auch die andere Seite des Wochenendes erleben: Camping, möglichst authentisch und ohne auf dem Platz selbst im Mittelpunkt zu stehen.

Wir organisierten dafür noch einen großen Camper und suchten bewusst einen ruhigen Randplatz aus – umgeben von Gästen, bei denen die Wahrscheinlichkeit gering war, dass aus der Übernachtung sofort ein kleines Medienspektakel wird.

So entstand ein Kontrast, der kaum besser zu diesem Buch passen könnte: Am Ring waren sie VIPs. Auf dem Campingplatz waren sie zwei Camper unter vielen.

Gerade diese Episode ist für die Geschichte des Eventcampings interessanter als der Prominentenfaktor.

Denn Menschen, die an diesem Wochenende Zugang zu einer der exklusivsten Welten des Motorsports hatten, suchten freiwillig eine Erfahrung, die sich kaum über Hospitality reproduzieren lässt.

Man kann einen besseren Sitzplatz kaufen.

Man kann ein hochwertigeres Essen buchen.

Man kann näher an die Boxengasse kommen.

Aber das Gefühl, morgens auf einer Campingfläche aufzuwachen und für einige Stunden einfach Teil derselben temporären Nachbarschaft zu sein wie alle anderen, funktioniert nach einer anderen Logik.

Auf der Wiese verliert Status zumindest einen Teil seiner Bedeutung.

Der Nachbar interessiert sich eher dafür, ob jemand Kaffee hat, ob das Wetter hält oder wann man zur Strecke losgeht.

Darin liegt eine der überraschendsten Qualitäten von Camping.

Es kann Unterschiede sichtbar machen – der eine schläft im Luxusmobil, der andere im kleinen Zelt – und gleichzeitig eine Form von Gleichheit herstellen.

Am Morgen stehen alle auf derselben Wiese.

Die seltenste Form von Luxus an einem Formel-1-Wochenende kann darin bestehen, für eine Nacht kein VIP zu sein.

Der Gast erinnert sich nicht an den Stellplatz

Für uns ist der fünfzigste Check-in eines Tages Routine. Für den Gast ist es der erste Kontakt mit seinem Wochenende. Diese unterschiedliche Perspektive ist eine der wichtigsten Lektionen im Eventgeschäft.

Der Gast trennt nicht zwischen Buchungssystem, Reinigung, Stromteam, Gastronomie oder Security. Für ihn ist alles Schitterhof. Eine freundliche Website kann deshalb keinen genervten Empfang ausgleichen – und ein großartiger Check-in keine ungeklärte Buchung, die drei Wochen lang unbeantwortet blieb.

Für den Gast ist die Marke kein Organigramm. Check-in, Technik, Gastronomie, Reinigung und Team werden als ein Gesamterlebnis wahrgenommen.
Für den Gast ist die Marke kein Organigramm. Check-in, Technik, Gastronomie, Reinigung und Team werden als ein Gesamterlebnis wahrgenommen.Copyright by Schitterhof

Die Reise des Gastes beginnt lange vor seiner Ankunft: Suche, Bewertungen, Website, Anfrage, Buchung, Bestätigung, Anreiseinformation, Check-in, Aufenthalt, Abreise und schließlich vielleicht eine Bewertung oder Wiederbuchung. Marketing und Betrieb lassen sich ab diesem Punkt nicht mehr trennen.

Je besser das Marketing funktioniert, desto besser muss der Betrieb funktionieren. Sonst bringt Marketing nur schneller mehr Menschen zu einem schlechten Erlebnis.

Ein Gast sieht seinen Stellplatz. Der Betreiber sieht das System.

Wo kommt das nächste Fahrzeug hin? Ist der Rettungsweg frei? Wie weit ist es zur Stromverteilung? Wer braucht Unterstützung? Ist eine Dusche ausgefallen? Wann kommt die nächste große Anreisewelle? Fehlt Personal? Steht ein Fahrzeug dort, wo morgen früh ein Lieferant durch muss?

Diese Perspektive verändert den Blick auf Camping. Man lernt, dass ein gelungenes Wochenende aus hunderten kleinen Entscheidungen besteht.

Die meisten davon werden nie bemerkt.

Und das ist gut so.

Gastronomie ist bei uns ein Service-Tool

Zu diesen oft unterschätzten Leistungen gehört die Gastronomie. Am Schitterhof arbeiten bei den großen Rennwochenenden MATTEO und MAMAS TACOS. MATTEO deckt Frühstück und italienische Klassiker ab; MAMAS TACOS steht für frisches mexikanisches Streetfood. Der Foodtruck wurde im Falstaff Streetfood Guide 2026 mit 93 Punkten ausgezeichnet.

Gastronomie als Hospitality-Werkzeug: gutes Essen direkt am Platz spart Wege und wird Teil der Erinnerung an das Wochenende.
Gastronomie als Hospitality-Werkzeug: gutes Essen direkt am Platz spart Wege und wird Teil der Erinnerung an das Wochenende.Copyright by Schitterhof

Viele Gäste erwähnen gerade das Essen in ihren Rückmeldungen: die Qualität, die Möglichkeit, nach einem langen Tag an der Strecke nicht mehr fahren zu müssen, und Preise, die trotz Großevent fair bleiben sollen. Für uns ist der Gastro-Corner deshalb bewusst kein Profitcenter, das aus jedem Gast den maximalen Umsatz holen muss.

Er ist ein Hospitality-Werkzeug. Ein guter Kaffee am Morgen, ein ordentliches Essen am Abend und ein Platz, an dem man noch zusammensitzt, lösen Probleme, bevor sie entstehen. Der Gast muss nicht ins Auto steigen, keinen Parkplatz suchen und nicht überlegen, wo er nach einem langen Renntag noch etwas Vernünftiges bekommt. Gastronomie spart damit Zeit, Energie und Reibung – drei jener unsichtbaren Währungen, die später im Buch noch eine größere Rolle spielen.

Die Gäste werden international

Heute kommen Gäste aus vielen Ländern. Deutsch und Englisch reichen oft nicht mehr. Niederländisch ist in Spielberg rund um die Formel 1 besonders wichtig geworden. Dazu kommen Italiener, Franzosen, Spanier, Kroaten, Polen und Besucher aus Ländern weit außerhalb Europas.

Mit jeder Sprache verändert sich auch ein wenig die Erwartung. Campingkultur ist nicht überall gleich. Manche Gäste erwarten genaue Parzellierung. Andere bevorzugen flexible Gruppenflächen. Manche möchten vor allem feiern. Andere fragen als Erstes nach Ruhe.

Ein professioneller Platz muss diese Unterschiede nicht beseitigen.

Mehrsprachigkeit ist eine Form von Respekt

Internationalität wird oft romantisch beschrieben: Flaggen, Sprachen, Fans aus ganz Europa.

Im Alltag bedeutet sie vor allem Missverständnisse, die vermieden werden können.

Ein Stromanschluss ist nur hilfreich, wenn der Gast weiß, welchen Stecker er braucht. Eine Nachtruhe funktioniert nur, wenn sie verstanden wird. Ein Check-in-Fenster ist nur dann sinnvoll, wenn klar ist, was passiert, wenn jemand später kommt.

Darum ist Mehrsprachigkeit keine hübsche Zusatzleistung. Sie ist Prozessqualität.

Und sie signalisiert etwas Wichtiges: Wir haben damit gerechnet, dass du kommst.

Der Gast muss sie verstehen.

Bewertungen sind Gedächtnis

Ein Eventcampingplatz hat eine besondere Form der Wiederholung.

Viele Gäste kommen nur einmal pro Jahr.

Eine schlechte Erfahrung kann deshalb zwölf Monate lang in Erinnerung bleiben.

Eine gute ebenfalls.

Bewertungen, Stammgäste und direkte Rückmeldungen sind für uns deshalb nicht bloß Marketing.

Sie sind Betriebsdaten.

Sie zeigen, welche Versprechen tatsächlich beim Gast ankommen.

Die Website ist kein Prospekt

Ein Gast besucht unsere Website nicht, weil er unsere Unternehmensstruktur kennenlernen möchte. Er kommt mit einer Frage: Ist noch Platz? Wie weit ist es zum Ring? Gibt es Strom? Wie ruhig ist es? Wann kann ich anreisen? Welche Kabellänge brauche ich?

Ein Betrieb denkt leicht in Menüpunkten. Der Kunde denkt in Fragen. Genau deshalb wurde unsere Website mit der Zeit weniger Werbeprospekt und mehr Werkzeug. Gute Information reduziert Unsicherheit – und gleichzeitig Arbeitsaufwand im Betrieb.

Manchmal beginnt Marketing mit einem Verlängerungskabel. Wenn ein Gast vor der Anreise weiß, welches Kabel er benötigt, entsteht vor Ort kein Problem. Eine technische Information wird damit zu Gastfreundschaft.

Warum wir dieses Buch schreiben

Eigentlich sollte dieses Buch gar kein Buch werden.

Am Anfang stand eine viel kleinere Aufgabe: Wir wollten für unsere temporären Mitarbeiter bei den Großevents eine praktische Anleitung schreiben. Jeder sollte denselben Wissensstand haben – über Check-in, Gäste, Regeln, Service, Strom, Sanitär, Ruhezeiten und jene vielen Kleinigkeiten, die an einem intensiven Rennwochenende den Unterschied machen.

Beim Schreiben wurde die Liste länger. Aus der Frage „Wie machen wir das?“ wurde immer öfter die Frage „Warum machen wir das so?“ Und dahinter tauchten weitere Fragen auf: Warum funktionieren manche Fanlager seit Jahrzehnten? Warum kommen Gäste wieder? Was macht aus einer Wiese ein Produkt? Wie hängen Motorsport, Gastfreundschaft, Organisation, Marketing und die Region zusammen?

Aus der Mitarbeiteranleitung wurde eine Sammlung von Erfahrungen. Aus den Erfahrungen wurden Geschichten. Aus den Geschichten entstand schließlich dieses Buch.

Am Ende passt genau diese Entstehungsgeschichte: Es begann mit dem Wunsch, Wissen weiterzugeben. Darum geht es auch auf der letzten Seite.

Tradition ist kein Werbeslogan

Für einen Familienbetrieb liegt eine Versuchung nahe: Geschichte als Marketingdekoration zu benutzen.

Ein altes Foto, ein Gründungsjahr und der Satz „seit Generationen“ lassen sich schnell auf eine Website schreiben.

Aber echte Tradition funktioniert anders.

Sie ist nicht wertvoll, weil sie alt ist. Sie ist wertvoll, wenn der Gast heute etwas davon spürt.

Zum Beispiel in der Art, wie ein Problem gelöst wird. In der Erinnerung an Stammgäste. In dem Wissen, welche Wochenenden völlig unterschiedlich funktionieren. In einer Haltung zur Gastfreundschaft, die nicht erst mit einem Buchungssystem begonnen hat.

Für den Schitterhof bedeutet Professionalisierung deshalb nicht, die Familiengeschichte durch ein glattes Produkt zu ersetzen.

Die Aufgabe ist schwieriger: das Verlässliche moderner Systeme mit der persönlichen Qualität eines Familienbetriebs zu verbinden.

Wenn das gelingt, entsteht etwas, das Marketing nur schwer künstlich herstellen kann: Vertrauenskapital.

Ein Gast kann eine Dusche vergleichen. Einen Preis ebenfalls. Vertrauen lässt sich deutlich schlechter in einer Vergleichstabelle darstellen.

Gerade deshalb kann es langfristig der wertvollere Wettbewerbsvorteil sein.

Das Gedächtnis der Wiese

Eine Wiese hat kein Gedächtnis.

Zumindest keines, das man auf den ersten Blick sieht.

Nach einigen Wochen sind Fahrspuren verschwunden. Kabel liegen wieder im Lager. Schilder sind abgebaut. Der Rasen wächst.

Und trotzdem besitzt ein guter Eventcampingplatz ein Gedächtnis.

Es steckt in Menschen, Skizzen, Fotos und Buchungsdaten.

In einem Satz wie: „Dort sollten wir nächstes Jahr keinen großen Camper mehr hinstellen.“

Oder: „Diese Gruppe kommt gemeinsam. Wenn wir sie trennen, haben wir den Ärger schon vorprogrammiert.“

Oder: „An dieser Stelle sammelt sich bei starkem Regen zuerst Wasser.“

Dieses Wissen wirkt banal, bis es verloren geht.

Dann beginnt jede Saison wieder bei null.

Professionalisierung bedeutet deshalb auch, Erinnerung aus Köpfen in ein System zu übertragen, ohne die Erfahrung der Menschen zu entwerten.

Ein Plan kann zeigen, wo ein Verteiler steht.

Ein erfahrener Mitarbeiter weiß zusätzlich, welche Fragen dort am häufigsten entstehen.

Beides zusammen ist Betriebskapital.

Ein Familienbetrieb besitzt einen Vorteil gegenüber einer perfekt geplanten Modellanlage: Er sammelt Fehler über Jahre.

Das klingt zunächst nicht attraktiv. Ist aber wertvoll.

Jedes Problem, das dokumentiert und wirklich gelöst wurde, macht das nächste Event stabiler.

Ein falsch verstandenes Schild wird neu formuliert. Ein überlasteter Verteiler verändert die Stromplanung. Ein Konflikt zwischen Gruppen verändert die Platzlogik. Eine ungewöhnliche Wetterlage zeigt, welche Zufahrt zuerst kritisch wird.

So entsteht Professionalität nicht als Sprung. Sie entsteht als Sediment. Schicht für Schicht.

Deshalb ist der Schitterhof für dieses Buch nützlich: nicht weil hier alles perfekt wäre, sondern weil man an einem realen Ort beobachten kann, wie aus Erfahrung System wird.

Marketing-Transfer

Service ist ein System – kein Lächeln.

DAS PROBLEM
Freundlichkeit ist wichtig, reicht aber bei tausenden Gästen nicht. Sie braucht Regeln, Information, passende Produkte und Mitarbeiter, die Entscheidungen treffen können.
WAS DAHINTERSTECKT
Hospitality entsteht dort, wo menschliche Hilfe und funktionierende Abläufe zusammenkommen. Ein freundlicher Mitarbeiter kann einen schlechten Prozess retten – aber nicht jedes Wochenende aufs Neue.
DER HEBEL
Das gewünschte Gastgeberverhalten in konkrete Betriebsentscheidungen übersetzen.
IN DER PRAXIS
Teambriefings, klare Eskalationswege, gute FAQs, nachvollziehbare Regeln, passende Stellplatzkategorien und kleine Serviceleistungen miteinander verzahnen.
WORAN MAN ES MERKT
Gäste loben nicht nur einzelne Mitarbeiter, sondern beschreiben den gesamten Platz als freundlich, unkompliziert und gut organisiert.

Freundlichkeit wirkt erst richtig, wenn der Betrieb mit ihr mithält.