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EventCamping
04TEIL I – DIE GESCHICHTE

Vom Zelt zum rollenden Wohnzimmer

10 Minuten Lesezeit · Alle Kapitel

Wer über einen großen Motorsportcampingplatz geht, kann dort manchmal in wenigen hundert Metern durch fast hundert Jahre Campinggeschichte spazieren.

Da steht vielleicht ein kleines Zweimannzelt neben einem Motorrad. Ein paar Reihen weiter ein alter VW-Bus mit ausgeblichenem Lack und einem Vorzelt, das vermutlich schon mehr Rennstrecken gesehen hat als mancher Fan. Daneben ein Wohnwagen mit Markise, Teppich und Satellitenschüssel. Und noch ein Stück weiter ein modernes Reisemobil, dessen Ausstattung eher an eine Ferienwohnung erinnert als an das, was frühere Generationen unter Camping verstanden hätten.

Dazwischen findet man Dachzelte auf Sportwagen, selbst ausgebaute Transporter, Pick-ups mit Wohnkabinen, Anhänger voller Kühlschränke und jene Fahrzeuge, bei denen man sich fragt, ob sie gebaut wurden, um darin zu schlafen – oder um der Welt zu zeigen, wie ernst ihre Besitzer das Thema Camping nehmen.

Diese Vielfalt ist kein Zufall. Sie erzählt eine Geschichte.

Denn das Campingfahrzeug hat sich nie nur technisch entwickelt. Mit jedem zusätzlichen Quadratmeter, jedem Klappdach, jeder Heizung, jedem Kühlschrank und jeder Batterie veränderte sich auch die Vorstellung davon, was Menschen unterwegs brauchen – und worauf sie verzichten wollen.

Beim Eventcamping kommt noch etwas hinzu: Das Fahrzeug ist nicht nur Unterkunft. Es ist Transportmittel, Lagerraum, Küche, Wetterschutz, Treffpunkt, Fanclub-Zentrale und manchmal Bühne.

„Nicht ohne meine Familie“

Einer der schönsten Ausgangspunkte dieser Entwicklung beginnt nicht an einer Rennstrecke, sondern mit einem sehr privaten Wunsch.

Arist Dethleffs war in den frühen 1930er-Jahren als Unternehmer viel unterwegs. Seine Frau Fridel, eine Künstlerin, wollte ihn auf seinen Reisen begleiten und dabei weiter malen können. 1931 entstand daraus jenes Fahrzeug, das Dethleffs später als erstes deutsches „Wohnauto“ bezeichnete: ein bewohnbarer Anhänger mit Schlafmöglichkeit und einfachen Einrichtungen für das Leben unterwegs.

Die Idee klingt heute selbstverständlich. Damals war sie beinahe revolutionär.

Urlaub war für viele Menschen noch kein normaler Bestandteil des Lebens. Familienreisen waren teuer. Hotels bestimmten, wo man bleiben konnte. Der eigene Schlafplatz auf Rädern veränderte dieses Verhältnis: Plötzlich reiste nicht nur der Mensch zum Ziel – ein Stück Zuhause reiste mit.

Eine Idee zieht sich von hier bis zum heutigen Eventcamping durch. Wer zu einem Rennen fährt, möchte oft möglichst nahe am Geschehen sein. Ein mobiles Zuhause löst das Problem auf elegante Weise: Man muss nicht jeden Abend den Ort verlassen, sondern bleibt dort, wo die Atmosphäre entsteht.

Der erste Entwurf war dabei erstaunlich schlicht: weiße Holzwände, ein anhebbares Dach, eine ausziehbare Schlafmöglichkeit und eine einfache Wasserversorgung mit Kanister und Hahn. Das Entscheidende war nicht Luxus. Es war Autonomie.

Wie ernst die Familie diese neue Reiseform nahm, zeigt ihre Nutzung: In einem frühen Kundenmodell, dem „Tourist“, legten die Dethleffs nach Herstellerangaben innerhalb von sechs Jahren rund 70.000 Kilometer zurück und verbrachten etwa 900 Nächte im rollenden Zuhause.

Aus der technischen Erfindung wurde eine Lebensform. Für Motorsportreisen war das ein kleiner Paradigmenwechsel: Das Zimmer wartete nicht mehr am Ziel. Es fuhr mit.

Amerika entdeckt den Aluminiumtraum

Fast zeitgleich entwickelte sich auf der anderen Seite des Atlantiks eine andere Ikone des mobilen Reisens.

Airstream baut seit 1931 Reiseanhänger. Der von Firmengründer Wally Byam entwickelte, genietete Aluminium-Clipper von 1936 wurde zum frühen Symbol einer ganz anderen Campingästhetik: aerodynamisch, glänzend, modern und selbstbewusst.

Camping musste nicht nach Verzicht aussehen. Es konnte Design sein.

Diese Idee sollte später immer wichtiger werden. Denn je mehr Menschen mobil reisen konnten, desto stärker differenzierten sich ihre Vorstellungen. Die einen wollten möglichst wenig zwischen sich und der Natur. Die anderen wollten Freiheit – aber bitte mit Kühlschrank, einem guten Bett und einer Tür, die man bei Regen schließen konnte.

Beides ist Camping. Und beide Haltungen begegnen sich bis heute auf denselben Rennwochenenden.

Der Bus, der zum Lebensgefühl wurde

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam ein Fahrzeug auf die Straße, das die Vorstellung vom mobilen Reisen für Generationen prägen sollte: der Volkswagen Transporter.

1950 begann Volkswagen mit der Serienproduktion des Typ 2. Bereits 1951 zeigte sich seine zweite Karriere als Familien- und Freizeitmobil. Volkswagen nennt in seiner eigenen Unternehmensgeschichte den Samba-Bus und eine Campinglösung aus diesem Jahr; spätestens 1960 wurde der Transporter in der Firmenchronik ausdrücklich als Campingbus beschrieben – mit Dachgepäck, Faltdach, Sitzbank und Tisch.

Der VW-Bus traf einen Nerv, weil er zwischen den Welten stand.

Er war kein großer Wohnwagen und kein klassisches Auto. Er konnte Arbeitsgerät sein, Familienbus, Lieferwagen und am Wochenende Schlafzimmer. Genau diese Mehrdeutigkeit machte ihn ideal für junge Reisende, Familien, Surfer – und später für unzählige Motorsportfans.

Wer mit einem Bus zum Rennen fährt, benötigt kein perfektes Campingareal. Die Unterkunft ist bereits dabei. Bei schlechtem Wetter schließt man die Tür. Am Morgen öffnet man sie wieder und sitzt mitten im Geschehen.

Darin liegt ein Teil seiner bis heute anhaltenden Faszination: Ein Bus verspricht Freiheit, ohne daraus gleich Luxus zu machen.

Der Campingbus war damit mehr als ein günstiger Schlafplatz. Er wurde Basislager: Transportmittel am Anreisetag, Schlafzimmer in der Nacht, Küche am Morgen und Treffpunkt am Abend.

Gerade diese Mehrfachfunktion erklärt, warum der Transporter im Eventcamping bis heute so überzeugend wirkt. Er braucht kaum mehr Fläche als ein großes Auto, trägt aber einen erstaunlich großen Teil des Wochenendes in sich.

Aus der Praxis

Für einen Betreiber ist ein Campingbus fast das ideale Eventfahrzeug. Er braucht nicht wesentlich mehr Fläche als ein Pkw, kann aber Schlafplätze, Gepäck und Verpflegung aufnehmen. Ein großes Reisemobil bietet deutlich mehr Komfort – benötigt dafür aber mehr Platz, größere Kurvenradien und oft andere Bodenverhältnisse. Ein Wohnwagen wiederum schafft viel Wohnraum, verlängert aber das Gespann und erschwert das Rangieren. Was für den Gast eine Geschmacksfrage ist, wird für den Betreiber zu Flächen- und Verkehrsplanung.

Eigenbau gehört zur Geschichte

Die Geschichte des mobilen Reisens ist allerdings keine reine Geschichte großer Hersteller.

Wer die Sammlung des Erwin Hymer Museums in Bad Waldsee betrachtet, findet neben serienmäßig produzierten Freizeitfahrzeugen auch zahlreiche Eigenbauten. Das Museum weist ausdrücklich darauf hin, dass solche selbst konstruierten Fahrzeuge besonders in der ehemaligen DDR verbreitet waren.

Für Eventcamping ist daran vor allem eines interessant:

Camping war immer auch eine Kultur des Selbermachens.

Wer sich ein fertiges Reisemobil nicht leisten konnte, baute einen Lieferwagen um. Wer mehr Platz brauchte, erfand eine Klappkonstruktion. Wer eine Küche wollte, schraubte einen Kocher in eine Holzkiste. Wer bei Regen trockene Füße wollte, spannte eine Plane zwischen Auto und Baum.

Viele Lösungen, die später industriell perfektioniert wurden, begannen als pragmatische Antwort auf eine einfache Frage: Wie kann man unterwegs ein bisschen besser leben?

Motorsportcamping verstärkt diese Kreativität noch. Hier geht es nicht nur darum, irgendwo zu schlafen. Eine Fangruppe muss vielleicht fünf Tage zusammen leben, Getränke kühlen, Essen zubereiten, Regen überstehen, Rennbilder verfolgen und gleichzeitig jene Atmosphäre schaffen, wegen der sie überhaupt gekommen ist.

Das Ergebnis ist eine Art technische Volkskultur.

Dass solche Fahrzeuge heute museal gesammelt werden, ist folgerichtig. Die Erwin Hymer Stiftung bewahrt rund 250 Freizeitfahrzeuge und verwandte Exponate. Neben Serienmodellen gehören ausdrücklich auch zahlreiche Eigenbauten zum Bestand – besonders Konstruktionen aus der ehemaligen DDR.

Ein Eigenbau dokumentiert deshalb nicht nur Geschmack. Er erzählt von Verfügbarkeit, Geld, Material, handwerklichem Können und dem Willen, sich Freiheit notfalls selbst zu bauen.

Im Motorsport kommt noch eine Ebene dazu: Das Fahrzeug wird Teil der Fanbiografie. Aufkleber, Umbauten, Reparaturen und Patina sammeln Rennwochenenden wie andere Menschen Fotos in einem Album.

Als das Haus einen Motor bekam

In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde aus dem mobilen Zuhause zunehmend ein eigenständiges Fahrzeugkonzept.

Hymer baute 1961 das Reisemobil „Caravano“. 1971 folgte das erste Hymermobil; kurz darauf begann die Serienproduktion vollintegrierter Freizeitfahrzeuge. Der Wohnraum war damit nicht mehr bloß an ein Auto angehängt oder in einen Transporter hineingebaut. Fahrgestell und Wohnen wurden zunehmend als Einheit gedacht.

In den USA verlief dieselbe Entwicklung in größerem Maßstab.

Winnebago wurde 1958 gegründet. 1966 entstand das erste selbstfahrende Modell F-19 auf Ford-Basis, 1967 folgte der D22 auf Dodge-Chassis. Bereits 1969 brachte der Chieftain Ausstattungsmerkmale serienmäßig, die zuvor nach Luxus klangen. 1977 meldete das Unternehmen sein 100.000stes Motorhome.

Man kann diese Fahrzeuge belächeln, wenn man Camping mit einem kleinen Zelt verbindet. Man kann sie aber auch als konsequente Antwort auf einen menschlichen Wunsch verstehen: unabhängig reisen, ohne jedes Mal auf Komfort verzichten zu müssen.

Und genau hier beginnt die Entwicklung zum rollenden Wohnzimmer.

Am Rennwochenende wird das Fahrzeug zur Infrastruktur

Auf einem normalen Urlaubsplatz ist ein Wohnmobil zunächst Unterkunft.

Auf einem Motorsportcampingplatz wird es häufig mehr.

Die Heckgarage wird Getränkelager. Die Markise wird Wohnzimmer. Der Außentisch wird Frühstücksraum, Werkbank und Diskussionsforum zugleich. Auf dem Dach können Fahnen stehen. Vor dem Fahrzeug sitzen Menschen, die sich vor einigen Stunden vielleicht noch nicht gekannt haben.

Wer mehrere Jahre zum selben Rennen fährt, optimiert.

Im ersten Jahr fehlt das Verlängerungskabel. Im zweiten kommt ein längeres mit. Im dritten eine Kabeltrommel. Dann eine bessere Kühlbox. Später ein größerer Kühlschrank, ein Pavillon, Licht, zusätzliche Sitzgelegenheiten und vielleicht ein Fahrrad für den Weg zur Rennstrecke.

Eventcamping ist in diesem Sinne ein evolutionäres System.

Jedes Rennwochenende liefert Daten.

Was hat gefehlt? Was war unnötig? Was hat der Nachbar besser gelöst? Was bauen wir nächstes Jahr anders?

Deshalb sehen erfahrene Fanlager oft so aus, als wären sie über Jahrzehnte geplant worden.

Weil sie es – in gewisser Weise – wurden.

Komfort verändert Erwartungen

Mit den Fahrzeugen verändern sich auch die Ansprüche an einen Campingplatz.

Ein Zelt benötigt vor allem einen ebenen, trockenen Boden und ein Sanitärangebot in erreichbarer Nähe.

Ein moderner Camper bringt vielleicht eigene Toilette, Dusche, Batterie und Frischwasser mit, erwartet dafür aber genügend Platz, eine gute Zufahrt und im Idealfall Strom.

Große Reisemobile benötigen tragfähige Fahrwege. Fahrzeuge mit Klimaanlage erhöhen den Strombedarf. E-Bikes wollen geladen werden. Smartphones, Kameras und Computer gehören inzwischen selbstverständlich zum Rennwochenende.

Das vermeintlich autarke Fahrzeug macht den Campingplatz also nicht automatisch einfacher. Es verschiebt lediglich die Anforderungen.

Darin steckt eine hübsche Ironie der Professionalisierung: Je komfortabler das Fahrzeug, desto weniger Geduld gibt es für eine Umgebung, die improvisiert wirkt.

Und dann kommt plötzlich wieder das Dachzelt

Geschichte verläuft selten in einer geraden Linie.

Während Reisemobile größer, digitaler und komfortabler wurden, entdeckte eine neue Generation gleichzeitig wieder kompakte Formen: Campervans, Minicamper und Dachzelte.

Widersprüchlich ist das nur auf den ersten Blick.

Es ist dieselbe alte Sehnsucht in neuer Form: möglichst flexibel dort bleiben zu können, wo man gerade sein möchte.

Gerade bei Motorsportveranstaltungen besitzt diese Einfachheit einen eigenen Reiz. Ein kleines Fahrzeug findet leichter Platz. Das Lager ist schneller aufgebaut. Man ist näher an der ursprünglichen Idee des Campings – ohne deshalb auf moderne Materialien und Technik verzichten zu müssen.

So stehen heute manchmal Fahrzeuge nebeneinander, deren Konzepte sich beinahe widersprechen: hier das integrierte Reisemobil mit Bad und Fußbodenheizung, dort das Sportauto mit Dachzelt.

Beide Besitzer würden vermutlich sagen, dass sie die bessere Lösung gefunden haben.

Und beide hätten recht.

2025 stand am Schitterhof ein Fahrzeug, das diesen Gedanken beinahe perfekt zusammenfasste: ein Trabant mit Dachzelt. Kein Luxusliner, kein Hochleistungssportwagen – aber eine Lösung mit Persönlichkeit.

Dass dieser Trabant später in Kapitel 5 direkt neben einem Porsche 911 mit Dachzelt auftauchen wird, ist kein Zufall. Eventcamping kennt Fahrzeugklassen. Aber es nimmt sie nicht besonders ernst.

Das Fahrzeug erzählt etwas über seinen Besitzer

Campingfahrzeuge sind deshalb mehr als technische Gegenstände.

Sie erzählen von Prioritäten.

Der eine investiert in Komfort. Der andere in Unabhängigkeit. Der nächste in einen Oldtimer, weil die Anreise Teil des Erlebnisses ist. Eine Fangruppe baut ihren Transporter so um, dass möglichst viele Menschen und möglichst viel Material hineinpassen. Jemand anderes reist mit einem kleinen Zelt an, weil ihm alles Weitere wie Ballast erscheint.

Auf kaum einem anderen Ort kann man diese Unterschiede so konzentriert beobachten wie auf einem Eventcampingplatz.

Dort wird das Fahrzeug zum kulturellen Fingerabdruck.

Und manchmal reicht den Menschen das serienmäßige Fahrzeug nicht mehr.

Dann beginnt die nächste Stufe: Die Fans bauen, schrauben, erweitern, errichten Terrassen, Küchen, Kühlsysteme, Dachplattformen und ganze Fanclub-Zentralen. Aus einem Stellplatz wird eine Konstruktion, die man sich Jahre später noch erzählt. Das nächste Kapitel gehört genau diesen Bauten.

Marketing-Transfer

Segmentiere nach Nutzung, nicht nach Schubladen.

DAS PROBLEM
Zelt, Campervan, Wohnwagen und Luxusliner sehen unterschiedlich aus – entscheidend sind aber Fläche, Länge, Strombedarf, Rangierbarkeit und gewünschter Komfort.
WAS DAHINTERSTECKT
Ein Einheitsstellplatz ist einfach zu verkaufen, aber oft schlecht zu nutzen. Gute Kategorien reduzieren Überraschungen und machen begrenzte Fläche wirtschaftlich produktiver.
DER HEBEL
Produkte nach realen Bedürfnissen bauen, nicht nach romantischen Fahrzeugbildern.
IN DER PRAXIS
Größe, maximale Fahrzeuglänge, Strom, Zufahrt und typische Nutzer je Kategorie klar definieren. Vor der Buchung muss erkennbar sein, welches Produkt wirklich passt.
WORAN MAN ES MERKT
Weniger Umplatzierungen und Diskussionen am Check-in, bessere Flächennutzung und höhere Zahlungsbereitschaft für passend zugeschnittene Kategorien.

Ein Stellplatz wird zum Produkt, sobald klar ist, für wen er passt.