Frauen, Familien und neue Zielgruppen
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Alte Bilder vom Motorsportcamping erzählen eine sehr eindeutige Zielgruppe: Männer, Motoren, Bier, Zelt, Grill. Die Gegenwart ist deutlich breiter.
Dieses Bild war nie vollständig.
Heute ist es endgültig unbrauchbar geworden.
Die moderne Formel 1 erreicht ein Publikum, das jünger, internationaler und deutlich weiblicher ist als noch vor wenigen Jahren. Nach Angaben der Formel 1 lag der Frauenanteil der weltweiten Fanbasis 2025 bei 42 Prozent. 2018 waren es 37 Prozent. Noch bemerkenswerter ist der Blick auf neue Fans: In der großen F1-Fanbefragung 2025 stellten Frauen drei Viertel der neuen Fans unter den Befragten. Fast die Hälfte der Gen-Z-Teilnehmer waren Frauen.
Kosmetisch ist dieser Wandel keineswegs.
Er verändert das Produkt Motorsport.
Und damit verändert er auch das Camping.

Die alte Annahme vom „typischen Fan“
Märkte werden problematisch, wenn Unternehmen an einem Bild ihrer Kunden festhalten, das nicht mehr stimmt.
Beim Eventcamping passiert das schnell.
Wer glaubt, alle Gäste seien mit einem einfachen Sanitärcontainer, einer lauten Nacht und einer möglichst großen Party zufrieden, baut möglicherweise ein Angebot für eine Zielgruppe, die nur einen Teil des Marktes repräsentiert.
Neue Fans bringen nicht automatisch höhere Ansprüche mit. Aber sie bringen andere Erfahrungen mit.
Wer bisher Festivals besucht hat, vergleicht einen Campingplatz mit Festivalcamping. Wer aus dem Hotelurlaub kommt, vergleicht mit Hotellerie. Wer alleine reist, bewertet Sicherheit anders als eine große Männergruppe. Wer mit Kindern kommt, denkt an Wege, Schlaf, Sanitär und Übersicht.
Die gleiche Wiese wird deshalb von verschiedenen Menschen völlig unterschiedlich wahrgenommen.
Frauen reisen anders – aber nicht alle gleich
Es wäre ein Fehler, aus der wachsenden Zahl weiblicher Fans sofort eine neue Schublade zu bauen.
Frauen wollen nicht automatisch Glamping. Männer wollen nicht automatisch Party. Familien wollen nicht automatisch Ruhe. Junge Fans wollen nicht automatisch billiger campen.
Entscheidend ist etwas anderes: Je vielfältiger die Gäste werden, desto weniger funktioniert ein Einheitsprodukt.
Für einen alleinreisenden Fan kann eine klare Beleuchtung des Weges zur Sanitäranlage wichtiger sein als eine zusätzliche Bar. Für andere ist die Möglichkeit, spät am Abend noch etwas zu essen, ein Sicherheits- und Komfortfaktor. Gut erreichbare Ansprechpartner, sichtbare Platzorganisation und transparente Regeln wirken anders als auf einer Gruppe, die seit zwanzig Jahren gemeinsam zu Rennen fährt und sich selbst organisiert.
Professionalisierung bedeutet deshalb nicht, Gäste zu stereotypisieren.
Sie bedeutet, unterschiedliche Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen.
F1 Academy verändert die Bilder im Kopf
Mit der F1 Academy besitzt die Formel 1 inzwischen eine Plattform, die Frauen im Motorsport nicht als Sonderthema neben dem eigentlichen Sport behandelt, sondern sichtbar in das Grand-Prix-Wochenende integriert.
Die Wirkung reicht über die Fahrerinnen hinaus.
In der F1-Fanbefragung 2025 gaben 42 Prozent der befragten weiblichen Fans an, die F1 Academy zu verfolgen. Nach Angaben der Serie selbst waren Ende 2025 rund 60 Prozent ihrer Anhängerschaft weiblich.
Solche Formate verändern Vorbilder.
Und Vorbilder verändern die Frage, wer sich an einem Rennwochenende selbstverständlich zuhause fühlt.
Familien verändern den Tagesrhythmus
Familien bringen eine andere Zeitlogik auf den Campingplatz.
Eine Partygruppe kann spontan entscheiden, bis zwei Uhr morgens weiterzumachen. Eltern mit einem siebenjährigen Kind treffen andere Entscheidungen.
Das beginnt bei der Anreise und endet beim Frühstück.
Kinder brauchen sichere Wege. Familien wollen wissen, wo Sanitäranlagen sind. Sie schätzen klare Ruhezeiten. Gleichzeitig wollen sie nicht in einer sterilen Ferienanlage landen. Sie kommen wegen Motorsport, Atmosphäre und Abenteuer.
Die Kunst besteht darin, Sicherheit nicht mit Langeweile zu verwechseln.
Silverstone zeigt diese Differenzierung inzwischen sehr deutlich. Für den British Grand Prix 2026 gab es reduzierte Kindertickets, ausgewählte Campingplätze ließen Kinder unter zwölf Jahren kostenlos übernachten, während andere Bereiche bewusst stärker auf Unterhaltung oder Premiumkomfort setzten.
Das Entscheidende ist die Wahlmöglichkeit.
Spielberg setzt bei Kindern ein starkes Signal
Rund um den Red Bull Ring gibt es dabei eine bemerkenswerte gemeinsame Regel: Auf den offiziellen, farbcodierten Campingplätzen sind Kinder bis 14 Jahre kostenlos. Das ist keine Sonderaktion des Schitterhofs, sondern Teil des Campingmodells in Spielberg.
Gerade bei einem teuren Formel-1- oder MotoGP-Wochenende ist das mehr als ein kleiner Preisvorteil. Es senkt die Schwelle für Familien und macht aus dem Rennbesuch eher ein gemeinsames Erlebnis als eine Addition einzelner Übernachtungspreise. Wer langfristig neue Fangenerationen gewinnen möchte, sollte solche Details nicht unterschätzen.
Ruhe wird zum Qualitätsmerkmal
Mit Familien und neuen Zielgruppen wächst die Bedeutung eines Produkts, das im Motorsport lange fast verdächtig klang: Ruhe.
Ruhe bedeutet nicht, dass niemand lachen darf.
Sie bedeutet Planbarkeit.
Wer weiß, dass nachts ab einer bestimmten Uhrzeit wirklich Ruhe herrscht, kann den Tag anders gestalten. Familien, ältere Gäste, alleinreisende Besucher und Fans, die das gesamte Trainingsprogramm sehen möchten, profitieren davon.
Am Nürburgring wird diese Segmentierung bereits sichtbar. Das Family-&-Friends-Camping für das 24-Stunden-Rennen arbeitet mit reservierten Parzellen, Strom, Wasser, Sanitär und einer konsequenten Nachtruhe ab 22 Uhr.
Der Fan darf also wählen: Lagerfeuerromantik an der Nordschleife oder planbarer Familienbereich.
Beides ist Motorsportcamping.
Nur eben nicht dasselbe Produkt.
Die Zukunft ist kein Männerwechsel, sondern Markterweiterung
Die spannendste Entwicklung liegt nicht darin, dass eine alte Zielgruppe verschwindet.
Sie verschwindet nicht.
Die klassischen Fangruppen bleiben ein wesentlicher Teil der Campingkultur. Ihre Rituale, Eigenbauten und Freundschaften tragen viele Plätze.
Neu ist, dass daneben weitere Gruppen wachsen.
Frauen, Familien und jüngere Fans.
Menschen, die über Netflix, TikTok oder YouTube zum Motorsport gekommen sind.
Menschen, die zunächst einen Fahrer interessant fanden und später den Sport entdeckten.
Für Eventcamping ist das eine enorme Chance.
Denn ein vielfältiger Markt ist stabiler als ein homogener.
Er verlangt allerdings mehr Aufmerksamkeit.
Die Zukunft gehört nicht dem Campingplatz, der für jeden alles sein möchte.
Sondern demjenigen, der genau weiß, welchen Gästen er welches Erlebnis verspricht.
Vom Mickey-Mouse-Clip zum ersten Grand Prix
Wie früh die neue Fanreise beginnen kann, zeigt eine auf den ersten Blick überraschende Kooperation.
Formula 1 kündigte für 2026 eine Zusammenarbeit mit Disney und Mickey & Friends an.
Die Begründung ist strategisch interessant: Nach Angaben der Serie folgen in der EU und den USA bereits mehr als vier Millionen Kinder zwischen acht und zwölf Jahren aktiv der Formel 1.
Gleichzeitig waren zum Zeitpunkt der Ankündigung 54 Prozent der F1-Follower auf TikTok und 40 Prozent auf Instagram jünger als 25.
Mit Camping scheint das zunächst wenig zu tun zu haben. Tatsächlich beginnt die Wirkung schon hier.
Denn ein achtjähriges Kind, das einen Fahrer, eine Figur oder eine kurze Geschichte spannend findet, kann später zum ersten Mal mit seinen Eltern an die Strecke fahren.
Dort schläft es vielleicht im Zelt. Mit sechzehn kommt es mit Freunden. Mit dreißig mit dem eigenen Camper. Und irgendwann vielleicht mit den eigenen Kindern.
Die wirtschaftlich interessanteste Zielgruppe eines Campingplatzes kann deshalb jemand sein, der heute noch gar nicht selbst buchen darf.
Fan-Lifetime-These: Familienfreundlichkeit ist nicht nur ein Produkt für das aktuelle Wochenende. Sie kann der erste Schritt einer dreißigjährigen Fanbiografie sein.
Die Zahlen haben inzwischen eine Größenordnung erreicht, bei der die alte Sprache von der „neuen Zielgruppe“ fast irreführend wird.
Im Sommer 2026 beziffert Formula 1 seine weltweite Fanbasis auf mehr als 830 Millionen Menschen. 42 Prozent davon sind weiblich, 43 Prozent jünger als 35 Jahre. Frauen stellen nach Angaben der Serie inzwischen drei Viertel der neu hinzukommenden Fans.
Ein Campingbetreiber, der weiterhin für ein imaginiertes Publikum aus den 1990er-Jahren plant, betreibt keine Traditionspflege. Er plant am Markt vorbei.
Er plant am Markt vorbei.
Das bedeutet nicht, dass die klassische Fancrew verschwindet. Sie bleibt wichtig. Aber sie steht heute neben Besucherinnen, die alleine reisen, jungen Paaren, Familien, internationalen Freundesgruppen und Menschen, die Motorsport zuerst über Social Media kennengelernt haben.
Der entscheidende Wandel ist deshalb nicht: Frauen kommen.
Der Wandel lautet: Das Publikum wird weniger einheitlich.
Silverstone 2026: Sichtbarkeit wird Normalität
Wie schnell sich Bilder verändern, zeigte der British Grand Prix 2026. F1 ACADEMY fuhr erstmals im Rahmen des Formel-1-Wochenendes in Silverstone. Damit stand die rein weibliche Nachwuchsserie nicht irgendwo neben dem Hauptprogramm, sondern auf einer der traditionsreichsten Motorsportbühnen Europas.
Für junge Besucherinnen ist das keine abstrakte Diversitätsstrategie.
Es verändert, wer auf Plakaten, Leinwänden und in Fanforen selbstverständlich als Teil des Motorsports sichtbar ist.
Und Sichtbarkeit wirkt bis auf den Campingplatz.
Wer sich in einem Sport repräsentiert fühlt, reist eher nicht als Ausnahme dorthin.
Universal Design statt Zielgruppen-Kitsch
Es wäre ein Fehler, aus der wachsenden Zahl weiblicher Fans ein Sortiment rosafarbener Zusatzangebote abzuleiten.
Die interessantere Idee stammt aus dem Universal Design: Ein gutes System wird so gestaltet, dass sehr unterschiedliche Menschen es ohne Sonderbehandlung nutzen können.
Beleuchtete Wege sind keine Frauenleistung. Sie helfen einer allein reisenden Besucherin ebenso wie einem älteren Mann, einem Teenager oder Eltern mit einem schlafenden Kind.
Eine klar erreichbare Nacht-Ansprechperson ist kein Nischenservice. Sie ist professionelle Gastfreundschaft.
Saubere Sanitäranlagen, nachvollziehbare Regeln und ein sicher wirkender Platz verbessern das Produkt für fast alle.
Vielfalt führt damit im besten Fall nicht zu immer mehr Sonderangeboten. Sie führt zu besserem Grunddesign.
Gerade für Alleinreisende zeigt sich Qualität oft weniger in spektakulären Extras als in Planbarkeit.
Ist der Weg nachts beleuchtet? Ist klar, wer ansprechbar ist? Sind Sanitäranlagen sauber und gut auffindbar? Gibt es verständliche Regeln? Muss man nachts durch eine Partyzone, um zur Dusche zu kommen?
Das sind keine „Frauenangebote“.
Es sind Qualitätsmerkmale, die für viele Gäste wichtig sind und für manche über die Buchungsentscheidung entscheiden.
Gutes Design für vielfältige Zielgruppen funktioniert deshalb häufig universell: bessere Beleuchtung hilft allen. Klare Beschilderung hilft allen. Saubere Sanitäranlagen helfen allen. Verlässliche Nachtruhe hilft jenen, die sie brauchen – unabhängig von Alter oder Geschlecht.
Freitagabend, erste Nacht
Man kann die Wirkung einer familienfreundlichen Campingfläche auch ohne Statistik verstehen.
Stellen wir uns eine Familie vor, die zum ersten Mal zum Grand Prix fährt.
Die Eltern kennen Motorsport aus Fernsehen und Social Media. Das Kind hat einen Lieblingsfahrer. Niemand in der Familie hat bisher neben einer Rennstrecke übernachtet.
Für einen Stammcamper sind viele Dinge selbstverständlich. Für diese Familie ist fast alles neu.
Wo fährt man hinein? Wie weit ist der Weg? Bleibt das Auto beim Zelt? Wie laut wird es nachts? Wo ist die Toilette?
Der Erfolg dieses Wochenendes entscheidet sich deshalb nicht erst am Sonntag beim Rennen.
Er entscheidet sich am Freitagabend.
Wenn Anreise, Platz, Sanitär und Nachtruhe funktionieren, wird aus Unsicherheit Abenteuer. Wenn sie nicht funktionieren, wird aus Abenteuer Belastung.
Für neue Zielgruppen ist Planbarkeit die Brücke zur Emotion.
Familien haben für Motorsportveranstaltungen noch eine strategische Bedeutung.
Sie bringen die nächste Generation mit.
Ein Kind, das heute mit seinen Eltern am Freitagabend sein erstes Zelt neben einer Rennstrecke aufbaut, kann in fünfzehn Jahren selbst mit Freunden wiederkommen.
Familienfreundlichkeit ist deshalb mehr als eine kurzfristige Verkaufsentscheidung.
Sie ist Fanentwicklung.
Silverstone macht diesen Zusammenhang sehr konkret: Auf ausgewählten offiziellen Campingplätzen übernachten Kinder unter zwölf Jahren kostenlos. Gleichzeitig reicht das Angebot vom klassischen Stellplatz bis zum Glamping.
Die Kombination ist klug: Familienfreundlichkeit wird nicht an eine einzige Komfortstufe gekoppelt. Die Familie kann wählen.
Marketingthese: Familienfreundlichkeit sollte im Eventcamping nicht als „Kinderprogramm“ gedacht werden. Der stärkere Hebel ist Planbarkeit: klare Wege, klare Ruhezeiten, saubere Sanitäranlagen, sichere Orientierung und Angebote für unterschiedliche Budgets.
Der beste Platz für alle existiert nicht
Mit wachsender Vielfalt wird eine alte Campingidee endgültig problematisch: ein Produkt für alle.
Ein Platz, der gleichzeitig lauteste Partyzone, ruhigster Familienplatz, billigste Option und hochwertiges Premiumcamping sein möchte, erzeugt zwangsläufig widersprüchliche Versprechen.
Die Zukunft gehört eher einem Portfolio klarer Erwartungen.
Nicht jeder Platz muss jedes Segment bedienen.
Aber jeder Gast sollte vor der Buchung verstehen, für wen ein Platz besonders gut funktioniert.
Darin liegt vielleicht die wichtigste Veränderung der neuen Fanbasis: Vielfalt verlangt nicht mehr Leistungen für alle.
Sie verlangt klarere Entscheidungen.
Marketing-Transfer
Neue Zielgruppen brauchen selten Sonderwelten.
- DAS PROBLEM
- Wer „den typischen Motorsportfan“ zu eng definiert, plant für eine Vergangenheit, die es so nicht mehr gibt.
- WAS DAHINTERSTECKT
- Frauen, Familien und jüngere Fans wollen nicht automatisch eigene Produkte. Häufig wollen sie dieselbe Nähe zum Motorsport – nur mit weniger vermeidbarer Reibung.
- DER HEBEL
- Universal Design vor Zielgruppen-Kitsch stellen.
- IN DER PRAXIS
- Beleuchtung, sichere Wege, saubere Sanitäranlagen, Ruheoptionen, verständliche Information und familienfreundliche Preislogik verbessern. Erst danach über Spezialangebote nachdenken.
- WORAN MAN ES MERKT
- Die Gästemischung wird breiter, ohne dass Stammgäste das Gefühl bekommen, ihr Produkt sei verschwunden.
Markterweiterung beginnt oft mit weniger Reibung, nicht mit mehr Dekoration.