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EventCamping
24TEIL II – WAS WIR DARAUS GELERNT HABEN

Eventcamping 2036: drei Szenarien

15 Minuten Lesezeit · Alle Kapitel

Die schwierigste Frage dieses Buches steht am Ende.

Wie wird Eventcamping in zehn Jahren aussehen?

Die ehrliche Antwort lautet:

Wir wissen es nicht.

Wer 2016 behauptet hätte, dass wenige Jahre später Luxus-Glamping direkt neben einem Formel-1-Paddock angeboten wird, digitale Serien Millionen neuer Fans in den Sport ziehen und niederländische Campingplätze in Spielberg zu orangefarbenen Fanlandschaften werden, wäre vielleicht für besonders fantasievoll gehalten worden.

Zukunft entsteht selten geradlinig.

Deshalb versuchen wir nicht, eine einzige Prognose zu verkaufen.

Wir betrachten drei mögliche Welten.

Wahrscheinlich wird die Realität Elemente aus allen drei enthalten.

Szenario 1: Die perfekt organisierte temporäre Stadt

Im ersten Szenario wird Eventcamping deutlich professioneller und digitaler.

Die Buchung enthält nicht nur einen Stellplatz.

Sie enthält einen Anreisezeitraum.

Das System kennt Fahrzeuglänge, Strombedarf, Zahl der Personen und gewünschte Nachbarschaft zu Freunden.

Navigation führt Gäste nicht nur zum Campingplatz, sondern zur richtigen Einfahrt im richtigen Zeitfenster.

Der Check-in erkennt Kennzeichen oder QR-Code.

Die Platzzuweisung ist vorbereitet.

Stromnetze messen Lasten in Echtzeit und erkennen Überlastung, bevor Sicherungen fallen.

Wasserverbrauch und Sanitärbelastung werden digital überwacht.

Reinigungsteams werden dorthin geschickt, wo Nutzung tatsächlich entsteht und nicht nur nach einem statischen Zeitplan.

Künstliche Intelligenz beantwortet Standardfragen in mehreren Sprachen, während Menschen sich um Situationen kümmern, in denen Empathie wichtiger ist als Geschwindigkeit.

Die temporäre Stadt beginnt zu funktionieren wie eine Smart City – nur für vier Tage.

Weniger Improvisation, mehr Resilienz

Auch Wetter wird stärker in die Planung integriert.

Starkregen ist kein unerwarteter Ausnahmefall mehr, sondern eines von mehreren vorbereiteten Szenarien.

Flächen werden nach Tragfähigkeit kategorisiert.

Zufahrten lassen sich kurzfristig verändern.

Mobile Bodenbefestigungen liegen bereit.

Energie kommt teilweise aus Batteriespeichern, Photovoltaik oder anderen temporären Systemen.

Generatoren werden leiser, sauberer oder verschwinden in manchen Bereichen ganz.

Die Formel 1 selbst meldete 2026 eine Reduktion ihres CO2-Fußabdrucks um 35 Prozent gegenüber 2018 und verfolgt weiterhin Net Zero bis 2030. Dieser Druck wird auch das Umfeld der Veranstaltungen verändern.

Campingplätze werden zunehmend erklären müssen, wie sie mit Energie, Wasser, Abfall und Mobilität umgehen.

Nicht nur aus Idealismus.

Sondern weil Behörden, Veranstalter und Gäste es erwarten.

Szenario 2: Das Resort am Rennzaun

Im zweiten Szenario wird ein Teil des Marktes deutlich komfortabler.

Die Entwicklung ist bereits sichtbar.

Silverstone bietet 2026 mit NOVA Glamping Unterkünfte innerhalb der Strecke unmittelbar beim Formel-1-Paddock an – mit Frühstück, Restaurant, Cocktails, Concierge und Strom im Zelt. The Ridings kombiniert Glamping mit Spa, Restaurant, Bar, hochwertigen Sanitäranlagen und Entertainment.

Mit „Camping, nur mit besserem Bett“ ist dieses Produkt nicht mehr beschrieben.

Es ist Hospitality unter Canvas.

Bis 2036 könnte daraus eine eigene Produktklasse entstehen.

Pop-up-Hotels, modulare Lodges, private Sanitärmodule, Concierge, Gepäckservice, Kinderbetreuung, Wellness und reservierte Transfers.

Und trotzdem die emotionale Nähe zum Rennwochenende.

Der Gast kauft dann nicht mehr primär einen Schlafplatz.

Er kauft vor allem Zeit: nichts aufbauen, nichts suchen, nichts schleppen – ankommen und erleben.

Premium bedeutet nicht automatisch elitär

Diese Entwicklung wird oft kritisch gesehen, weil Camping historisch mit Einfachheit verbunden ist.

Doch Premiumisierung muss die klassische Form nicht verdrängen.

Sie kann zusätzliche Zielgruppen erschließen.

Menschen, die gerne nahe am Rennen wohnen würden, aber kein eigenes Campingmaterial besitzen.

Familien, die Planbarkeit brauchen.

Ältere Fans, denen ein Luftbett nicht mehr romantisch erscheint.

Internationale Gäste, die per Flugzeug anreisen und kein Zelt transportieren können.

Spannend wird sein, ob Veranstalter diese Vielfalt erhalten – oder irgendwann nur noch die höchsten Margen optimieren.

Ein Eventcampingplatz der Zukunft braucht vermutlich nicht ein Produkt.

Sondern mehrere Ebenen.

Szenario 3: Die Renaissance des einfachen Campings

Das dritte Szenario wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu den ersten beiden.

Je digitaler und komfortabler die Welt wird, desto wertvoller kann das Einfache werden.

Ein Zelt, ein kleiner Camper, ein Grill und Freunde. Keine Lounge, kein Concierge, vielleicht nicht einmal Strom.

Gerade junge Menschen, die ihren Alltag zwischen Apps, Bildschirmen und permanenten Benachrichtigungen verbringen, könnten in bewusst einfachem Camping etwas finden, das in anderen Bereichen selten geworden ist:

Dafür bekommt man Unmittelbarkeit: draußen sein, den Regen hören, mit dem Nachbarn sprechen, selbst aufbauen.

Man erlebt nicht nur eine Dienstleistung.

Man beteiligt sich.

Das klassische Camping könnte dadurch nicht zum billigen Restprodukt werden, sondern zu einer Form von Authentizität.

Der Luxus, den man nicht kaufen kann

Die wertvollsten Dinge im Eventcamping sind ohnehin schwer zu verkaufen.

Eine Freundschaft, die seit zwanzig Jahren besteht.

Der gleiche Stellplatz wie immer.

Der Vater, der seinen Sohn zum ersten Rennen mitnimmt.

Die Gruppe, die am Donnerstagabend denselben Grill aufstellt.

Das Geräusch der Strecke in der Ferne.

Der Kaffee am Morgen nach einer kurzen Nacht.

Solche Erlebnisse entstehen nicht automatisch durch bessere Infrastruktur.

Sie brauchen Raum.

Der erfolgreichste Campingplatz 2036 muss deshalb nicht derjenige sein, der am meisten anbietet.

Sondern derjenige, der am besten weiß, was er nicht organisieren sollte.

Und was passiert nach Max?

Zwischen diesen drei Szenarien liegen Unsicherheiten, die niemand planen kann.

Sportliche Helden sind eine davon.

In Spielberg hat Max Verstappen sichtbar gemacht, welchen Einfluss ein einzelner Fahrer auf Reisebewegungen haben kann. Niederländische Fans haben Campingplätze, Tribünen und die gesamte Region orange gefärbt.

Der Dutch Grand Prix in Zandvoort endet nach der Saison 2026.

Kurzfristig könnte das europäische Auslandsreisen niederländischer Fans sogar stärken.

Doch irgendwann wird Verstappen seine Karriere beenden.

Dann zeigt sich, ob eine Generation Fans an einen Fahrer gebunden war – oder ob aus dieser Begeisterung eine dauerhafte Formel-1-Kultur entstanden ist.

Für Spielberg ist das eine Zukunftsfrage.

Für Eventcamping weltweit ist es ein Beispiel für etwas Grundsätzliches:

Die Spieltheorie der Campingwiese

Bis hierher haben wir drei Zukunftsbilder beschrieben. Aber Zukunft entsteht nicht nur aus Technik, Komfort und gesellschaftlichen Trends.

Sie entsteht auch daraus, wie die Beteiligten aufeinander reagieren.

Hier hilft Spieltheorie.

Sie fragt nicht nur: Was wäre für einen einzelnen Akteur optimal? Sie fragt: Was passiert, wenn mehrere Akteure gleichzeitig versuchen, ihre eigene Position zu verbessern – und dabei wissen, dass die anderen dasselbe tun?

Für Eventcamping ist das fast eine perfekte Beschreibung der Realität.

Campingbetreiber wollen Auslastung und Ertrag. Gäste wollen Preis, Erlebnis und Verlässlichkeit. Veranstalter wollen funktionierende Besucherströme. Gemeinden wollen wirtschaftliche Effekte ohne untragbare Belastung. Behörden wollen Sicherheit. Anwohner wollen Lebensqualität. Reiseveranstalter wollen verfügbare Kapazitäten. Plattformen wollen Buchungen. Sponsoren wollen Sichtbarkeit.

Niemand entscheidet allein.

Und genau deshalb kann eine Entscheidung, die für einen Einzelnen vernünftig wirkt, für das Gesamtsystem schlecht sein.

Spiel 1: Der Preiskampf

Nehmen wir an, mehrere Campingplätze rund um eine Rennstrecke bedienen weitgehend dieselbe Zielgruppe.

Ein Betreiber senkt seinen Preis, um schneller voll zu werden. Kurzfristig funktioniert das. Der Nachbar reagiert. Ein dritter Platz ebenfalls. Am Ende sind vielleicht alle gut gebucht – aber zu niedrigeren Preisen.

Das klingt zunächst positiv für Gäste.

Langfristig entsteht jedoch ein Problem, wenn genau jene Marge fehlt, aus der bessere Sanitäranlagen, Personal, Stromversorgung, Sicherheit und Reservekapazitäten finanziert werden.

Der einzelne Betreiber hatte einen Anreiz, günstiger zu werden. Wenn alle dieselbe Strategie wählen, kann das Ergebnis für alle schlechter sein.

Spieltheoretisch ähnelt das einem Gefangenendilemma.

Die Alternative lautet Differenzierung.

Der eine Platz verkauft Ruhe. Der nächste Party. Ein anderer Familienkomfort. Ein weiterer Budgetcamping. Glamping richtet sich an Gäste, die ohne Ausrüstung anreisen.

Dann konkurrieren die Plätze nicht mehr ausschließlich um denselben Gast.

Sie schaffen unterschiedliche Märkte innerhalb desselben Events.

Spiel 2: Die gemeinsame Zufahrtsstraße

Ein zweites Spiel beginnt dort, wo private Interessen auf gemeinsame Infrastruktur treffen.

Eine Zufahrtsstraße kann niemand exklusiv für seinen Campingplatz optimieren. Dasselbe gilt für Abfallströme, öffentliche Beschilderung, Rettungsachsen oder die Wahrnehmung der gesamten Destination.

Wenn jeder Betreiber nur versucht, möglichst viele Fahrzeuge im selben Zeitfenster anzulocken, kann ein Stau entstehen, der allen schadet.

Hier ist Kooperation keine freundliche Zusatzidee.

Sie ist betriebswirtschaftlich vernünftig.

Gemeinsame Anreiseinformationen, abgestimmte Farben, Zeitfenster, Verkehrsführung und Notfallkommunikation senken das Risiko für alle Beteiligten.

Spielberg arbeitet bereits mit farblich zugeordneten Campingbereichen und Anreiseempfehlungen. In den nächsten zehn Jahren könnte daraus ein deutlich intelligenteres System werden: mit freiwilligen oder dynamischen Anreise-Slots, Echtzeitinformation und besserer Verteilung der Verkehrsströme.

Spiel 3: Wer investiert zuerst?

Eine weitere klassische Situation entsteht bei Innovation.

Stellen wir uns vor, bessere Stromnetze, digitale Check-ins oder hochwertige Sanitärlösungen werden von Gästen zunehmend erwartet.

Jeder Betreiber weiß, dass Investitionen sinnvoll sein könnten. Gleichzeitig besteht die Versuchung abzuwarten, ob der Markt diese Leistung tatsächlich bezahlt.

Wer zuerst investiert, trägt das größte Risiko. Wer später folgt, kann aus den Fehlern des Pioniers lernen.

Solche Situationen führen leicht dazu, dass alle länger warten, als für die Destination insgesamt sinnvoll wäre.

Der langfristige F1-Vertrag in Spielberg bis 2041 verändert dieses Spiel. Er reduziert zumindest einen Teil des Risikos: die Frage, ob das zentrale Event plötzlich vollständig verschwindet.

Infrastruktur lässt sich unter diesen Bedingungen rationaler für ein Jahrzehnt denken statt nur für das nächste Wochenende.

Spiel 4: Vom Fahrer zur Gemeinschaft

Das Verstappen-Phänomen ist ebenfalls ein spieltheoretischer Fall.

Zu Beginn ist die Identifikation stark an eine Person gebunden. Je mehr niederländische Fans reisen, desto attraktiver wird die Reise für weitere niederländische Fans. Reiseveranstalter bieten Produkte an. Fanclubs organisieren Gruppen. Campingplätze richten Kommunikation darauf aus. Freunde treffen sich jedes Jahr wieder.

Es entsteht ein Netzwerkeffekt.

Irgendwann kann der Wert der Reise nicht mehr ausschließlich vom Fahrer abhängen. Er entsteht auch daraus, dass die anderen Fans wiederkommen.

Für Spielberg liegt genau hier die strategische Chance für die Zeit nach Max Verstappen.

Die Aufgabe lautet, eine personengebundene Nachfrage in eine ortsgebundene Tradition zu verwandeln.

Zandvoort endet nach der Saison 2026. Gleichzeitig bleibt Österreich langfristig im Kalender. Kurzfristig kann das Spielberg als Auslandsziel für niederländische Fans sogar stärken. Langfristig entscheidet jedoch die Qualität der entstandenen Gemeinschaft, wie viel davon bleibt.

Spiel 5: Der Gast als langfristiger Partner

Auch im Verkauf verändert der Wiederholungseffekt die optimale Strategie.

Der klassische Sales-Reflex lautet: Maximierung des Umsatzes pro Buchung.

Für Eventcamping kann eine andere Kennzahl wichtiger sein: der Wert der Beziehung über mehrere Jahre.

Ein Gast, der fünfmal wiederkommt, Freunde mitbringt und gute Bewertungen hinterlässt, ist strategisch wertvoller als eine einmalige Buchung mit maximalem kurzfristigem Ertrag.

Das spricht für Direktbuchung, Wiederkehrerprogramme, Vorbuchungsrechte, Gruppenbereiche und eine systematische Pflege der eigenen Gästedaten – natürlich innerhalb der geltenden Datenschutzregeln.

Die Marketingfrage lautet dann nicht mehr zuerst: Wie verkaufen wir diesen Stellplatz?

Sondern: Wie wird aus einem Besucher ein jährlicher Teilnehmer?

Der Ring bringt die Gäste. Was macht die Region daraus?

Der Red Bull Ring erledigt für die Region etwas, wofür Tourismusmarketing normalerweise sehr viel Geld ausgeben muss: Er bringt internationale Gäste nach Spielberg. Die entscheidende Frage beginnt erst danach.

Ein Formel-1-Fan kommt zunächst wegen des Rennens. Während einiger Tage sieht er aber Landschaft, Gastronomie, regionale Produkte und Gastgeber. Gerade Camper leben dabei nicht abgeschottet in einem Hotel, sondern mitten in der Destination. Sie kaufen ein, suchen Restaurants, brauchen Dienstleistungen und sprechen mit Menschen aus der Region.

Darin liegt eine Chance, die weit über zusätzliche Nächtigungen hinausgeht. Im Idealfall reist jemand wegen der Formel 1 an und kommt später wegen der Steiermark zurück. Das Event wäre dann der Anlass des ersten Besuchs – die Region der Grund für den zweiten.

Dafür braucht es keine Überfrachtung des Rennwochenendes mit touristischen Programmen. Häufig reichen passende Angebote vor und nach dem Event, gute Hinweise, regionale Kulinarik und ein einfacher Grund, einen Tag länger zu bleiben.

Wie eine solche Eventregion-Strategie im Detail aussehen kann, ist bewusst nicht mehr Aufgabe dieses Buches. Dafür unterscheiden sich Gemeinden, Veranstaltungen, Betriebe und politische Rahmenbedingungen zu stark. Genau an diesem Punkt beginnt die digitale Fortsetzung und – wo allgemeine Modelle nicht mehr reichen – individuelle Beratung.

Die European Travel Commission hat 2025 gemeinsam mit einem multidisziplinären Expertenprozess Szenarien für den europäischen Tourismus bis 2035 entwickelt. Das Ziel ist ausdrücklich nicht, eine einzige Zukunft vorherzusagen, sondern Strategien zu finden, die unter mehreren plausiblen Entwicklungen robust bleiben.

Zu den großen Kräften gehören technologische Beschleunigung, Klimadruck, sozioökonomischer Wandel und veränderte Erwartungen von Reisenden.

Das passt bemerkenswert gut zum Eventcamping.

Die richtige Strategie für 2036 ist deshalb nicht die perfekte Wette auf eine einzige Zukunft.

Die Eventcamping-DNA: Acht Dinge verändern sich – acht Dinge bleiben

Die Zukunftsstudie von 2015 arbeitete mit einer sogenannten Event-DNS: Grundbausteinen, die in jedem Event vorkommen, deren konkrete Ausprägung sich aber verändert.

Für Eventcamping lässt sich daraus ein eigenes Modell ableiten.

Nicht als Kopie der damaligen Matrix, sondern als Werkzeug für unsere Frage: Welche Stellschrauben verändern sich bis 2036, obwohl das Grundprinzip Camping am Rennen gleich bleibt?

1. Auslöser – Warum fährt jemand überhaupt los?

Heute kann der Auslöser ein Fahrer sein, eine Freundesgruppe, ein TikTok-Clip, Familientradition oder ein legendäres Rennen.

2036 wird diese Vielfalt eher wachsen. Marketing muss deshalb mehrere Eintrittstüren anbieten, ohne die Marke an eine einzige davon zu ketten.

2. Ort – Wo beginnt das Ereignis?

Der physische Campingplatz bleibt zentral.

Aber die mentale Reise beginnt früher: bei Buchung, Gruppenchat, Routenplanung und digitalem Content.

Der Ort wird erweitert, nicht ersetzt.

3. Zeit – Wie lange dauert das Erlebnis?

Das Rennen hat einen Kalendertermin. Die Fanreise beginnt möglicherweise Wochen vorher und endet erst, wenn Fotos, Videos und Geschichten geteilt wurden.

Für Betreiber wird Vor- und Nachkommunikation deshalb Teil des Produkts.

4. Menschen – Wer ist Teilnehmer und wer Produzent?

Diese Grenze wird weiter verschwimmen.

Der Gast baut Camp, Stimmung und Content mit. Der Betreiber wird stärker zum Ermöglicher eines Rahmens.

5. Rituale – Was wird jedes Jahr wiederholt?

Rituale sind das stabilste Element und gleichzeitig das am wenigsten planbare.

Sie reichen vom Gruppenfoto bis zum ersten Bier nach der Ankunft.

Die Aufgabe besteht nicht darin, Rituale zu erfinden, sondern gute zu erkennen und Raum für sie zu lassen.

6. Kommunikation – Wie fließt Information?

Mehrsprachig, mobil, personalisiert und zunehmend automatisiert.

Aber je mehr Kommunikation digital wird, desto wichtiger wird die Glaubwürdigkeit menschlicher Ansprechpartner in kritischen Situationen.

7. Emotion – Warum erinnert man sich?

Emotion entsteht selten aus Perfektion.

Sie entsteht aus Zugehörigkeit, Überraschung, gemeinsamer Anstrengung und Geschichten.

Darum darf Effizienz nicht jede Serendipity aus dem Camp entfernen.

8. Geld – Wofür bezahlt der Gast wirklich?

Nicht für Quadratmeter allein.

Er bezahlt für Nähe, Sicherheit, Zeitersparnis, Gemeinschaft, Ruhe, Komfort oder Freiheit – je nach Segment in unterschiedlicher Gewichtung.

Diese acht Bausteine ergeben eine nützliche Zukunftsfrage für jeden Betreiber: Welche davon müssen wir professionalisieren? Welche dürfen wir nicht kaputtoptimieren?

Eventcamping-DNA 2036: Auslöser, Ort, Zeit, Menschen, Rituale, Kommunikation, Emotion und Geld. Die Technik verändert ihre Form – die menschlichen Grundfragen dahinter bleiben erstaunlich stabil.

Sie ist ein Portfolio.

Ein Teil der Fläche bleibt einfach und authentisch. Ein Teil wird komfortabler. Digitalisierung reduziert Reibung, ohne menschliche Gastfreundschaft zu ersetzen. Infrastruktur wird resilienter. Produkte werden klarer segmentiert.

So bleibt ein Platz handlungsfähig, wenn eine einzelne Zielgruppe, ein Fahrer, ein Komforttrend oder eine Technologie anders entwickelt als erwartet.

Was ein sehr guter Sales- und Marketingstratege raten würde

Erstens: Verkauft keine Quadratmeter. Verkauft einen klaren Grund, genau diesen Platz zu wählen.

„Ruhig schlafen und zu Fuß zum Ring.“ ist ein stärkeres Produktversprechen als „Campingplatz mit Strom“. „Mit der Gruppe jedes Jahr am selben Ort.“ ist stärker als eine austauschbare Parzelle.

Zweitens: Verwechselt Reichweite nicht mit Kundenbeziehung. Social Media kann Aufmerksamkeit erzeugen. Die langfristig wertvollsten Daten entstehen jedoch in der direkten Beziehung zum Gast: Wiederkehr, Herkunft, Fahrzeugtyp, Gruppenstruktur, Präferenzen und Buchungszeitpunkt.

Drittens: Macht aus Nationalität keine Abhängigkeit. Niederländische Kommunikation ist in Spielberg heute sinnvoll. Die Marke des Platzes sollte trotzdem größer sein als Max Verstappen.

Viertens: Baut Status statt nur Rabatte. Vorbuchungsrecht, Wiederkehrerbereiche, Gruppenplätze, eine kleine Stammgasttradition oder ein jährliches „Camp-Fahrzeug des Jahres“ können emotional wertvoller sein als zehn Euro Preisnachlass.

Fünftens: Kooperiert dort, wo der Gast ohnehin die gesamte Destination bewertet. Verkehr, Sicherheit, Orientierung und Grundinformation sollten keine Konkurrenzfelder sein. Differenzierung gehört in Produkt, Atmosphäre und Service.

Sechstens: Lasst Raum für Geschichten. Ein vollständig standardisierter Campingplatz kann effizient sein und trotzdem austauschbar wirken. Der Trabant mit Dachzelt, die Stammgastgruppe, das jährliche Frühstück oder ein origineller Fanaufbau sind keine Störungen des Produkts.

Sie sind ein Teil seines Wertes.

Leitthese für 2036: Nicht der Campingplatz gewinnt, der die meisten Menschen auf die kleinste Fläche bekommt. Gewinnen wird der Platz, der für eine klar definierte Gruppe den stärksten Grund schafft, im nächsten Jahr wiederzukommen.

Spielberg-These: Max Verstappen kann Gäste nach Spielberg bringen. Ob sie nach Max bleiben, entscheidet nicht Max Verstappen – sondern das Erlebnis, das Spielberg aus ihrer Reise gemacht hat.

Zielgruppen sind nicht statisch.

Wer morgen erfolgreich sein möchte, darf seine heutige Gästestruktur nicht für ein Naturgesetz halten.

Die Zukunft wird wahrscheinlich hybrid

Unser wahrscheinlichstes Szenario ist deshalb kein Entweder-oder, sondern eine Mischung.

Neben einfachen Zeltflächen stehen reservierte Familienbereiche, neben Campervans Glampingzelte. Digitale Systeme organisieren Anreise und Strom, während das Lagerfeuer – wo es erlaubt ist – analog bleibt.

Manche Gäste verlangen Ruhe, andere Festival. Die einen kommen mit dem E-Fahrzeug, die anderen mit einem historischen Camper, der selbst schon Teil der Geschichte ist.

Das Eventcamping der Zukunft wird vielfältiger, nicht einheitlicher.

Darum gewinnt Positionierung an Schärfe.

Ein Platz muss nicht alles sein. Er muss vor allem klar sein.

Was bleibt

Technologien werden sich verändern, Fahrer kommen und gehen, Rennstrecken werden umgebaut.

Serien werden populärer oder verlieren an Bedeutung.

Regeln werden strenger, Komfortansprüche steigen, das Wetter wird anspruchsvoller und Buchungen digitaler.

2036 wird vieles professioneller aussehen als heute.

Aber einige Dinge dürften erstaunlich stabil bleiben.

Menschen werden weiterhin reisen, weil sie etwas gemeinsam erleben wollen: Freunde treffen, Geschichten erzählen und am Abend über das Rennen diskutieren.

Und irgendwo wird jemand aus einem Fahrzeug steigen, ein Zelt auspacken und auf einer Wiese für ein paar Tage ein Zuhause bauen.

Ein nostalgischer Rest ist das nicht.

Es ist wahrscheinlich der Grund, warum Eventcamping eine Zukunft hat.