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EventCamping
23TEIL II – WAS WIR DARAUS GELERNT HABEN

Warum die Formel 1 wieder so populär ist

8 Minuten Lesezeit · Alle Kapitel

Die Formel 1 war nie klein.

Aber sie war nicht immer so gegenwärtig wie heute.

Es gab Zeiten, in denen man ein Rennen am Sonntag sah, am Montag die Zeitung las und bis zum nächsten Grand Prix vergleichsweise wenig vom Leben der Fahrer mitbekam.

Heute endet ein Rennwochenende nicht mit der Zielflagge.

Es zerfällt in tausende Geschichten: Teamradio, Onboard-Aufnahmen, Memes, Podcasts, Kurzvideos, Analysen, Fahrermomente, Mode, Gerüchte, Dokumentationen und Gaming.

Und schon wenige Tage später beginnt die Erzählung des nächsten Rennens.

Die Formel 1 ist vom Sportereignis zum permanenten Medienuniversum geworden.

Digitale Fülle macht das Live-Erlebnis knapp

Die moderne Formel 1 produziert eine paradoxe Situation.

Noch nie war so viel Motorsport jederzeit verfügbar.

Und gerade deshalb wird das Live-Erlebnis zu einer knappen Ressource.

Ein Onboard-Video kann millionenfach angesehen werden.

Ein bestimmter Rennsonntag findet genau einmal statt.

Ein Clip kann jederzeit wiederholt werden.

Die erste Nacht mit Freunden am Ring nicht.

Digitale Inhalte sind skalierbar.

Erinnerungen an einen Ort sind es nicht.

Das erklärt, warum mehr Content nicht zwangsläufig weniger Reise erzeugt.

Er kann im Gegenteil den Wunsch verstärken, aus Zuschauerzeit eigene Lebenszeit zu machen.

Die F1-Fanstudie 2025 beschreibt genau diesen Wandel. 61 Prozent der befragten besonders engagierten Fans konsumieren F1-Inhalte täglich.

Mit der klassischen Sonntagsübertragung hat diese Beziehung kaum noch etwas gemeinsam.

Der Sport begleitet den Alltag.

Dadurch wachsen mehr Kontaktpunkte, an denen ein Mensch Fan werden kann: ein Onboard-Clip, eine Netflix-Folge, ein Meme, ein Fahrerinterview, ein Gaming-Stream oder ein Freund, der einen Beitrag teilt.

Das Rennen bleibt der Kern.

Aber der Weg dorthin ist vielfältiger geworden.

Das erklärt einen Teil ihres neuen Erfolgs.

Aber nur einen Teil.

827 Millionen Fans – und eine andere Fanbasis

Formula 1 bezifferte ihre weltweite Fanbasis für 2025 auf 827 Millionen Menschen – 63 Prozent mehr als 2018. Für 2026 wurden bereits mehr als 830 Millionen angegeben.

Noch interessanter als die Größe ist die Zusammensetzung.

Vom Publikum zur Identität

Die stärkste Veränderung der neuen Fankultur liegt vielleicht darin, dass Motorsport stärker als Identität sichtbar wird.

Man trägt Teamfarben, teilt Clips, diskutiert Fahrer und plant Reisen.

Und begegnet Menschen, die dieselben Referenzen verstehen.

Camping verstärkt diesen Effekt.

Im Hotel verschwindet der Fan nach dem Rennen hinter einer Zimmertür.

Im Camp bleibt die Identität sichtbar.

Die Fahne hängt noch.

Das Shirt trägt man beim Frühstück.

Der Nachbar beginnt ein Gespräch, weil er dieselbe Kappe erkennt.

Der Medienkonsum bekommt plötzlich eine soziale Adresse.

Und genau darin liegt einer der stärksten Gründe, warum Eventcamping vom F1-Boom profitieren kann.

Die globale Fanstudie zeigt, dass jüngere Fans besonders stark über Geschichten, Fahrerpersönlichkeiten, Streaming und Social Media einsteigen. 70 Prozent der befragten Gen-Z-Fans verbinden Formula 1 mit einem Status oder Image, das sie anspricht.

Das klingt zunächst oberflächlich.

Ist es aber nicht zwingend.

Sport war immer auch Identität.

Früher zeigte man sie vielleicht mit einer Kappe, einer Jacke oder einem Aufkleber am Auto.

Heute kommt eine digitale Identitätsebene hinzu.

Für Eventcamping ist das interessant, weil Camping Zugehörigkeit physisch macht.

Man wohnt nicht nur beim Rennen.

Man wohnt unter Menschen, die denselben Teil ihrer Identität für ein Wochenende sichtbar tragen.

43 Prozent der Fanbasis waren 2025 unter 35 Jahre alt. 42 Prozent waren weiblich, gegenüber 37 Prozent im Jahr 2018.

Die Formel 1 ist damit nicht nur größer geworden.

Sie hat begonnen, ihre alte demografische Form zu verlassen.

Für Eventcamping verändert das die Ausgangslage deutlich.

Denn neue Fans bringen neue Erwartungen mit.

Wer erst über Social Media oder Streaming zur Formel 1 findet, vergleicht das Rennwochenende nicht zwingend mit dem Grand Prix von 1998.

Er vergleicht es mit Festivals, Städtereisen, Konzerten und anderen modernen Freizeiterlebnissen.

Die Messlatte verändert sich.

Netflix war ein Beschleuniger – nicht die ganze Erklärung

„Drive to Survive“ wurde zum sichtbarsten Symbol dieser Veränderung.

Die Netflix-Serie startete 2019 und zeigte Formel 1 nicht primär als technische Sportart, sondern als menschliche Dramaturgie.

Fahrer wurden Figuren, Teamchefs Charaktere, Verträge zu Konflikten und Niederlagen zu Geschichten.

Das machte den Zugang für Menschen leichter, die sich vorher nicht für Reifendruck, Aerodynamik oder Motorenreglements interessierten.

Es wäre jedoch zu einfach, den Boom allein Netflix zuzuschreiben.

Streaming traf auf einen Sport, der gleichzeitig seine Social-Media-Strategie öffnete, seine Fahrer stärker als Persönlichkeiten inszenierte, neue Märkte erschloss und das Live-Erlebnis zu einem Festival ausbaute.

Die Wirkung entstand aus dem Zusammenspiel.

Der Fahrer wird zum Eingangstor

Moderne Fans beginnen ihre Beziehung zur Formel 1 häufig nicht beim Sport als abstraktem Ganzen.

Sie beginnen oft bei einer Person: Max Verstappen, Lewis Hamilton, Charles Leclerc oder Lando Norris.

Oder einem anderen Fahrer, dessen Stil, Herkunft, Persönlichkeit oder Geschichte sie anspricht.

Die globale Fanbefragung 2025 zeigt, wie stark Identifikation geworden ist. Zwei Drittel der Befragten sagten, sie fühlten sich persönlich von Fahrern oder Teams inspiriert.

Für Reiseentscheidungen ist diese Identifikation wichtig.

Wer einen Fahrer nicht nur gut findet, sondern sich mit ihm identifiziert, fährt eher dorthin, wo er ihn erleben kann.

Die niederländische Orange Army in Spielberg ist dafür eines der eindrucksvollsten Beispiele.

Fanbindung wird zu Mobilität.

Das Live-Erlebnis wird wertvoller, je digitaler der Sport wird

Man könnte annehmen, dass immer bessere digitale Inhalte die Reise zum Rennen weniger wichtig machen.

Die Besucherzahlen sprechen bislang für das Gegenteil.

2025 verzeichnete Formula 1 über die Saison hinweg 6,7 Millionen Eventbesuche – mehr als je zuvor; 19 von 24 Veranstaltungen waren ausverkauft.

Silverstone meldete für 2026 sogar 564.000 Besucher über vier Veranstaltungstage.

Digitalisierung ersetzt das Live-Erlebnis also nicht automatisch.

Sie kann den Wunsch verstärken, einmal selbst Teil der Bilder zu sein, die man das ganze Jahr gesehen hat.

Hier setzt die Chance des Eventcampings an.

Es verlängert das Live-Erlebnis über die Tribüne hinaus.

2026 verzeichnete Formula 1 mehr als 125 Millionen Follower über ihre Social-Media-Kanäle.

Die Beziehung zum Sport ist dadurch kontinuierlich geworden.

Fans sehen nicht mehr nur Rennen. Sie kommentieren, teilen, diskutieren, erstellen Inhalte, folgen einzelnen Fahrern, kaufen Merchandise und planen Reisen gemeinsam.

Das verändert auch die Rolle eines Grand Prix.

Er ist nicht mehr nur der Ort, an dem ein Rennen stattfindet.

Er ist der physische Höhepunkt einer Beziehung, die digital das ganze Jahr über besteht.

Und Camping verlängert diesen physischen Höhepunkt von zwei Stunden auf mehrere Tage.

Frauen verändern den Sport – und das Umfeld

Eine der wichtigsten Entwicklungen ist die wachsende weibliche Fanbasis.

In der Global Fan Survey 2025 stellten Frauen drei Viertel der neuen Fans unter den Befragten. Fast die Hälfte der Gen-Z-Befragten waren Frauen.

Parallel wächst F1 Academy als Plattform für Fahrerinnen. 2025 waren 60 Prozent ihrer Fanbasis weiblich.

Solche Veränderungen bleiben nicht auf dem Bildschirm.

Sie verändern Veranstaltungen: Sanitärqualität, Sicherheitsgefühl, Beleuchtung und Kommunikation gewinnen an Gewicht, ebenso Familienangebote, ruhige Bereiche und mehr Vielfalt bei Gastronomie und Aufenthalt.

Ein Campingplatz, der seine Zielgruppe noch immer als ausschließlich männliche Gruppe mit Grill und Bier definiert, beschreibt einen Teil der Vergangenheit – nicht die gesamte Gegenwart.

Die Formel 1 ist Kultur geworden

Der größte Wandel liegt womöglich darin, dass Formel 1 heute in Bereiche hineinragt, die früher deutlicher getrennt waren.

Musik, Mode, Design, Film, Gaming, Prominente, Lifestyle und Markenkooperationen gehören inzwischen selbstverständlich dazu. Die Formel 1 ist Sport geblieben – aber längst nicht nur Sport.

Dadurch erreicht sie Menschen, die über andere Türen eintreten.

Der eine kommt wegen der Technik, die andere wegen eines Fahrers, jemand wegen Netflix und jemand wegen seiner Freunde.

Und manche entdecken erst beim ersten Live-Rennen, warum der Klang, die Geschwindigkeit und die Atmosphäre vor Ort etwas anderes sind als jeder Bildschirm.

Warum das für Eventcamping eine historische Chance ist

Mehr Fans bedeuten nicht automatisch mehr Camper.

Aber eine jüngere, internationalere und stärker erlebnisorientierte Fanbasis schafft ideale Voraussetzungen für Formen des Reisens, bei denen Gemeinschaft Teil des Produkts ist.

Camping kann günstig oder premium, laut oder ruhig, klassisch oder Instagram-taugliches Glamping sein.

Diese Vielfalt passt erstaunlich gut zu einer Fanbasis, die selbst vielfältiger geworden ist.

Die große Chance des Eventcampings besteht deshalb nicht darin, mehr Menschen auf dieselbe Wiese zu stellen.

Sie besteht darin, für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Formen von Nähe zum Motorsport zu schaffen.

Die neue Popularität der Formel 1 bringt Nachfrage.

Die eigentliche Chance ist nicht der Boom

Boomphasen verführen zu kurzfristigem Denken.

Mehr Plätze.

Höhere Preise.

Mehr Werbung.

Die strategisch interessantere Frage lautet jedoch: Was bleibt, wenn Wachstum normaler wird?

Dann entscheidet nicht mehr nur Nachfrage.

Dann entscheidet Bindung.

Ein Platz, der im Boom nur Auslastung maximiert, startet später wieder bei null.

Ein Platz, der im Boom Vertrauen, Stammgäste und Rituale aufbaut, nimmt etwas mit.

Für Eventcamping ist die aktuelle Popularität der Formel 1 deshalb weniger Erntejahr als Pflanzjahr.

F1-Strategiethese: Der Boom ist temporär. Die Beziehung kann dauerhaft werden. Gute Betreiber nutzen starke Nachfrage nicht nur zum Verkaufen, sondern zum Aufbau von Wiederkehr.

In der globalen Fanstudie 2025 sagten 94 Prozent der befragten Fans, dass sie Formula 1 auch in fünf Jahren noch verfolgen wollen.

Eine Umfrage unter besonders engagierten Fans ist keine Garantie für die Zukunft.

Aber sie widerspricht der Vorstellung, der Boom sei ausschließlich ein kurzfristiger Social-Media-Hype.

Für Campingbetreiber bedeutet das nicht, blind Kapazität auszubauen.

Es bedeutet, dass die aktuelle Wachstumsphase genutzt werden kann, um Beziehungen aufzubauen, die länger halten als einzelne Fahrer, Plattformen oder Trends.

Das führt direkt zurück zu unserer Spieltheorie.

Die wichtigste Aufgabe ist nicht, möglichst viel Nachfrage aus dem Boom herauszuholen.

Die wichtigste Aufgabe ist, einen Teil dieser Nachfrage in Wiederkehr zu verwandeln.

F1-These: Je digitaler und globaler die Formel 1 wird, desto wertvoller kann das physische Gegenstück werden – ein realer Ort, an dem Fans einander begegnen und Zugehörigkeit nicht nur posten, sondern erleben.

Ob daraus langfristige Campingkultur entsteht, entscheiden die Erlebnisse vor Ort.