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EventCamping
19TEIL II – WAS WIR DARAUS GELERNT HABEN

Nachhaltigkeit: Die Wiese nach dem Rennen

7 Minuten Lesezeit · Alle Kapitel

Montagmorgen ist der ehrlichste Nachhaltigkeitsbericht eines Campingplatzes.

Zwischen Großevent und Alltag: Auf einer Campingwiese sind Betrieb, Pflege und Rückbau Teil derselben Geschichte.
Zwischen Großevent und Alltag: Auf einer Campingwiese sind Betrieb, Pflege und Rückbau Teil derselben Geschichte.Copyright by Schitterhof

Die Gäste sind weg.

Dann sieht man, was geblieben ist.

Müll. Heringe. Kabelbinder. Ein kaputter Pavillon. Vielleicht ein Kühlschrank. Vielleicht fast nichts.

Nachhaltigkeit im Eventcamping beginnt nicht mit großen Versprechen.

Sie beginnt mit der Frage, ob eine Fläche nach zehntausenden Übernachtungen wieder Wiese werden kann.

Die nachhaltigste Infrastruktur ist die, die nach dem Event wieder verschwindet

Eventcamping besitzt einen ökologischen Widerspruch, der zugleich seine Chance ist.

Für wenige Tage wird eine Fläche intensiv genutzt. Danach soll sie wieder Landschaft sein.

Das unterscheidet die temporäre Stadt von einem dauerhaft gebauten Hotelkomplex. Ein großer Teil der Infrastruktur kann mobil, saisonal oder rückbaubar bleiben.

Temporär ist allerdings nur dann ein Vorteil, wenn es nicht Wegwerf bedeutet.

Mobile Toiletten, Leitungen, Zäune, Beschilderung, Beleuchtung und Einrichtungen müssen so geplant sein, dass sie mehrfach eingesetzt, gewartet und wiederverwendet werden können.

Die Zukunft des Eventcampings wird deshalb weniger durch die Frage geprägt sein, ob etwas mobil ist.

Sondern wie oft es verwendet werden kann.

Der größte Hebel liegt oft vor der Ankunft

Bei globalen Motorsportserien ist die Anreise ein entscheidender Teil der Umweltwirkung. Deshalb versuchen Veranstalter zunehmend, Mobilität zu beeinflussen.

Le Mans führte 2022 ein Green-Ticket-System ein. 2024 nutzten bereits mehr als 10.000 Zuschauer die vergünstigte Variante für klimafreundlichere Anreise. Für 2026 wurde das Programm weiterentwickelt: Bahn, Tram, Fahrrad, zu Fuß, Fahrgemeinschaften sowie Elektro- und Hybridfahrzeuge werden einbezogen; fünf Prozent der Green-Ticket-Erlöse fließen in die Dekarbonisierung des Events.

Der Ansatz ist bemerkenswert, weil er Verhalten belohnt statt Verzicht zu predigen.

Nachhaltigkeit wird nicht nur verlangt.

Mobilität ist Angebotsgestaltung

Am Red Bull Ring ist bereits heute sichtbar, wie stark Mobilität selbst zum Produkt wird. Für die Formel 1 werden Bahnverbindungen nach Knittelfeld mit kostenlosen Shuttle-Bussen kombiniert; daneben gibt es überregionale Bus-Shuttles, Fahrrad- und Motorradanreise sowie eigene Campingrouten.

Die Aufgabe verschiebt sich.

Ein Veranstalter sagt nicht mehr nur: Bitte kommt klimafreundlich.

Er baut eine Alternative, die praktisch funktionieren muss.

Für Campingplätze eröffnet das eine wichtige Möglichkeit: Nicht jeder Gast muss mit dem eigenen Wohnmobil kommen. Glamping, Mietunterkünfte und Zeltangebote lassen sich stärker mit Bahn- und Shuttle-Anreise zusammendenken.

Nachhaltigkeit wird dann nicht Verzicht.

Sie wird eine andere Form des Produkts.

Sie wird zum Produktbestandteil.

Formel 1: Wachstum und Reduktion gleichzeitig

Die Formel 1 meldete im Juni 2026, ihren CO₂-Fußabdruck gegenüber der Basis 2018 um 35 Prozent reduziert zu haben. Gleichzeitig wuchs der Kalender von 21 Rennen 2018 auf 24.

Für die europäischen Rennen 2025 wurden alternative Energiesysteme mit HVO, Solar- und Batteriesystemen eingesetzt. Die Rennserie berichtet dadurch von niedrigeren Emissionen im Veranstaltungsbetrieb.

Diese Zahlen lösen nicht alle Umweltfragen des Motorsports.

Aber sie zeigen, dass „mehr Veranstaltung“ und „weniger Emission pro System“ nicht zwingend Gegensätze sein müssen.

Eigene Darstellung nach Formula 1 Impact Report 2026: gemeldete Reduktion des F1-CO₂-Fußabdrucks um 35 % gegenüber der Basis 2018.
Eigene Darstellung nach Formula 1 Impact Report 2026: gemeldete Reduktion des F1-CO₂-Fußabdrucks um 35 % gegenüber der Basis 2018.

Müll ist Design

Gäste werfen nicht nur deshalb Müll falsch weg, weil sie rücksichtslos sind.

Manchmal ist der richtige Behälter zu weit entfernt.

Manchmal ist die Beschriftung unklar.

Manchmal ist der Container voll.

Gute Abfallorganisation ist deshalb Verhaltensdesign.

Le Mans verteilt mehr als 2.000 Behälter zur Mülltrennung über das Gelände und verfolgt das Ziel, 80 Prozent der Abfälle stofflich zu verwerten. Nicht verkaufte Lebensmittel werden in Kooperation mit Hilfsorganisationen weitergegeben. 2024 wurden nach Angaben des ACO rund 10,2 Tonnen Lebensmittel verteilt.

Solche Systeme zeigen, wie professionell ein temporärer Ort inzwischen gedacht werden muss.

Der billigste Gegenstand kann die teuerste Spur hinterlassen

Ein Wegwerf-Zelt kostet vielleicht weniger als ein Abendessen.

Wenn es nach dem Rennen liegen bleibt, kostet es Entsorgung, Arbeitszeit und Material.

Dasselbe gilt für Pavillons, Campingstühle, Luftmatratzen und Kühlschränke.

Nachhaltigkeit bedeutet deshalb auch, Produkte so zu organisieren, dass Wegwerfen unbequemer wird als Mitnehmen.

Wasser, Strom und Komfort

Je komfortabler Camping wird, desto größer kann der Ressourcenbedarf werden.

Duschen brauchen Wasser und Energie. Kühlung braucht Strom. Glamping braucht Ausstattung, Reinigung und Logistik.

Die Lösung kann nicht darin liegen, Komfort grundsätzlich abzulehnen.

Ressourcen sind gespeicherte Entscheidungen

Strom, Wasser, Fläche und Material wirken wie technische Größen.

In Wirklichkeit speichern sie Entscheidungen.

Wie groß ist der Stellplatz?

Welche Geräte erlauben wir?

Wie oft wird eine Dusche gereinigt?

Wie weit muss ein Müllfahrzeug fahren?

Wie viele Einwegprodukte entstehen durch das gewählte Gastronomiekonzept?

Nachhaltigkeit wird dadurch konkret.

Nicht jeder Gast muss am Wochenende eine Klimabilanz verstehen.

Aber der Betreiber muss erkennen, welche Entscheidungen Ressourcenverbrauch erzeugen.

Darin unterscheidet sich Systemgestaltung vom moralischen Appell.

Für Betreiber wird Nachhaltigkeit in den nächsten Jahren technischer werden.

Nicht jeder Platz braucht einen Hochglanzbericht.

Aber jeder Platz kann wissen, wie viel Strom verbraucht wird, wann Lastspitzen auftreten, wie viel Wasser benötigt wird, wie viele Müllcontainer nach einem Wochenende abgeholt werden und welche Einwegmaterialien besonders häufig zurückbleiben.

Was gemessen wird, kann verbessert werden.

Silverstone: Nachhaltigkeit wird Managementsystem

Silverstone ging 2026 einen Schritt weiter und erhielt die Zertifizierung nach ISO 20121 für nachhaltiges Veranstaltungsmanagement.

Interessant daran: Nachhaltigkeit wird aus der Sammlung einzelner Aktionen herausgeholt.

Sie wird zu einem Prozess, der Lieferanten, Abfall, Stakeholder und langfristige Wirkung umfasst.

Beim British Grand Prix 2025 lag die Recyclingquote laut Silverstone bei 58 Prozent, nach 44 Prozent im Vorjahr.

Schon einige Jahre zuvor hatte die Rennstrecke mit Nachfüllstationen experimentiert: Für den Grand Prix 2022 wurden 22 Hydration Points genannt, mit denen nach eigener Schätzung rund 600.000 Flaschenfüllungen ermöglicht wurden.

An diesem Beispiel lässt sich die Entwicklung gut ablesen.

Nachhaltigkeit wandert von der Kampagne in den Betrieb.

Und genau dort wird sie für Eventcamping interessant.

Nicht: Haben wir eine grüne Botschaft?

Sondern: Welche Prozesse erzeugen Jahr für Jahr weniger Abfall, weniger Leerlauf und weniger unnötige Transporte?

Die wichtigste ökologische Kennzahl eines Campingplatzes muss deshalb nicht zwingend eine abstrakte CO₂-Zahl sein.

Sondern eine Serie einfacher Fragen: Wie viel Abfall pro Gast? Wie viel Strom pro belegtem Stellplatz? Wie viel Wasser pro Übernachtung? Wie viele weggeworfene Gegenstände?

Aus Nachhaltigkeit wird damit Betriebsoptimierung.

Zukunftsthese: Nachhaltigkeit setzt sich im Eventcamping am schnellsten dort durch, wo sie gleichzeitig Kosten senkt, Logistik vereinfacht oder dem Gast Zeit spart.

Sie liegt in effizienteren Systemen.

Wassersparende Technik. Erneuerbare Energie. Wiederverwendbare Ausstattung. Langlebige Infrastruktur. Gute Auslastungsplanung.

Die nachhaltigste Beziehung ist Wiederkehr

Ein Gast, der einen Platz respektiert, weil er im nächsten Jahr wiederkommen möchte, verhält sich anders als jemand, der die Fläche als anonymes Wegwerfprodukt betrachtet.

Deshalb ist Community auch Nachhaltigkeitsstrategie.

Nachhaltigkeit als Mechanism Design

Eine der interessantesten Nachhaltigkeitsideen im Eventcamping ist erstaunlich unspektakulär: das Pfand.

Am Nürburgring wird beim 24-Stunden-Rennen ein Umweltpfand erhoben. Für Kühlschränke und Gefriertruhen gibt es zusätzlich ein gesondertes Pfand.

Verhaltensökonomisch ist das stärker als jede Bitte auf einem Schild.

Der Betreiber sagt nicht nur: Bitte hinterlasse die Fläche sauber.

Er verbindet die Entscheidung mit einem konkreten finanziellen Vorteil.

In der Ökonomie nennt man diese Logik Mechanism Design.

Man entwirft die Spielregeln so, dass individuelles Eigeninteresse und gewünschtes Gesamtergebnis in dieselbe Richtung zeigen.

Für die Zukunft sind solche Instrumente spannend.

Pfand auf bestimmte problematische Gegenstände. Rabatte für frühe Müllrückgabe. Vorteile für autofreie Anreise.

Nicht jede Idee wird funktionieren.

Aber der Grundgedanke ist stark: Nachhaltigkeit muss nicht nur moralisch argumentiert werden.

Sie kann in die Ökonomie des Wochenendes eingebaut werden.

Wer sich zuhause fühlt, räumt eher auf.

Die Währung Verantwortung

Ein sauberer Platz braucht nicht nur Container.

Er braucht Menschen, die sich verantwortlich fühlen.

Verantwortung ist deshalb eine weitere unsichtbare Währung.

Der Betreiber investiert sie, wenn er die Fläche sichtbar pflegt.

Stammgäste investieren sie, wenn sie neue Besucher in die Kultur einführen.

Gäste investieren sie, wenn sie nicht denken: Dafür habe ich bezahlt, also soll es jemand anderes wegräumen.

Diese Währung lässt sich nicht verordnen.

Aber sie lässt sich beeinflussen.

Durch klare Regeln.

Durch Pfandsysteme.

Durch sichtbare Sauberkeit.

Und durch das Gefühl, dass die Wiese nächstes Jahr wieder dieselbe sein soll.

Technische Systeme können Müll reduzieren.

Aber Kultur entscheidet mit.

Ein Platz, den Gäste als anonym empfinden, wird anders behandelt als ein Ort, zu dem sie wiederkommen wollen.

Das erklärt, warum Community und Nachhaltigkeit miteinander verbunden sind.

Wer nächstes Jahr wieder unter demselben Baum stehen möchte, hat einen anderen Bezug zur Fläche.

Für Betreiber widerspricht das der Vorstellung, Nachhaltigkeit sei bloß eine zusätzliche Kostenstelle.

Stammgastbindung, klare Pfandsysteme, verständliche Müllstationen und sichtbare Wertschätzung derselben Fläche können sich gegenseitig verstärken.

Die nachhaltigste Wiese ist vielleicht nicht die technisch perfekteste.

Sondern diejenige, die ihre Gäste nicht als Durchlaufpublikum behandelt.

Nachhaltigkeitsthese: Technik reduziert Ressourcenverbrauch. Gemeinschaft reduziert Gleichgültigkeit. Ein guter Platz braucht beides.

Marketing-Transfer

Mach das bessere Verhalten einfacher.

DAS PROBLEM
Appelle funktionieren schlecht, wenn die nachhaltigere Option komplizierter, weiter weg oder teurer ist.
WAS DAHINTERSTECKT
Menschen reagieren stärker auf gute Systeme als auf moralische Belehrung. Behälter, Wege, Pfand, Shuttle und Energieangebote formen Verhalten, bevor ein Schild es erklären muss.
DER HEBEL
Nachhaltigkeit als Service- und Prozessdesign behandeln.
IN DER PRAXIS
Mülltrennung dort platzieren, wo Müll entsteht; wiederverwendbare Systeme vereinfachen; Anreisealternativen konkret buchbar machen; Energie- und Wasserverbrauch durch Produktlogik statt Predigten beeinflussen.
WORAN MAN ES MERKT
Weniger Restmüll, sauberere Flächen, höhere Nutzung von Alternativen und weniger Diskussion darüber, wer sich „richtig“ verhält.

Nachhaltigkeit gewinnt, wenn sie bequemer ist als Verschwendung.